Zwangsstörungen

Zwangsstörungen

(Zwangskrankheiten, Zwangsneurosen)

Eine Zwangsstörung (Zwangsneurose) zeichnet sich durch eine extreme Steigerung von Handlungen und Gedanken aus, die in viele Lebensbereiche hineinragen, sehr zeitraubend werden, mit grossem Leidensdruck und oft auch körperlichen Beschwerden verbunden sind.

Wir alle kennen harmlose Formen des Zwangs aus dem täglichen Leben: Manche erledigen Dinge immer in derselben Reihenfolge. Andere hüten sich vor Unglückszahlen oder kontrollieren mehrfach statt einmal, ob die Haustür verschlossen ist. Wieder andere schätzen besondere Ordnung und Sauberkeit im Haushalt oder denken wichtige Telefonate mehrere Male vorher und/oder nachher durch. Solche Phänomene sind jedem Menschen vertraut, behindern jedoch kaum.

Der Begriff «Zwanghaftes Verhalten» bezeichnet somit ein grosses Spektrum von Verhaltensweisen. Es können harmlose Angewohnheiten sein oder - wie Sie es bei sich selbst kennen - intensive und dauerhafte Gewohnheiten, die in viele Lebensbereiche hineinragen.


Das Verhalten dominiert den Willen

Eine Zwangskrankheit (auch Zwangsstörung oder Zwangsneurose genannt) liegt vor, sobald bestimmte Handlungsmuster mindestens zwei Wochen an den meisten Tagen das Berufs- und Privatleben stören, da sie in Intensität und Zeitaufwand extrem von der Norm abweichen. Kriterien für die Entscheidung «Jetzt ist es genug» sind verloren gegangen, das Verhalten dominiert den eigenen Willen.

Ein wichtiger Unterschied zwischen einem normalen Tick und einer Zwangsstörung ist: Der Zwang beherrscht das Verhalten gegen den Willen des Betroffenen: Er kann nicht anders, obwohl er sich der Sinnlosigkeit seiner Gedanken und Handlungen bewusst ist.


Hände waschen, Herd überprüfen, Haustür absperren...

Zwangsstörungen treten in vielen verschiedenen Formen auf, zum Beispiel als Waschzwang, Kontrollzwang, Ordnungszwang, zwanghafte Befürchtung oder rituelle Handlung. Fachleute unterscheiden zwischen Zwangshandlungen, Zwangsimpulsen und Zwangsgedanken. Meist treten sie kombiniert auf, oft bleiben sie unerkannt. Ein Grund: Viele Zwänge werden als Übereifer oder Macke belächelt. Ein anderer: Die Betroffenen verdrängen ihr Problem, entwickeln Kontrollmechanismen oder leben in Isolation - aus Furcht, als verrückt zu gelten.

Etwa 1 bis 3 Prozent aller Menschen erkranken an einer Zwangsstörung. Die Betroffenen kommen aus allen sozialen Schichten und Altersklassen. Sichtbar werden die meisten Zwänge im Jugend- oder frühen Erwachsenenalter, bei 85 Prozent sind sie vor dem 35. Lebensjahr voll ausgeprägt.


Rituale nehmen bizarre Züge an

So ist ein dunkler Raum für Patienten mit Kontrollzwang noch lange kein Beweis, dass das Licht nicht brennt. Erst bei wiederholtem An- und Ausschalten sind sie überzeugt. Manche Patienten mit Waschzwang verbringen täglich zehn Stunden damit, ihre Hände, Kleider, Haare zu reinigen; die Familie muss sich permanent desinfizieren. Zwanghafte Sammler können in ihrer Wohnung kaum noch hausen. Keine Möglichkeit bleibt ungenutzt, um wer-weiss-was zu stapeln.

Zwangsstörungen sind für die Umwelt rätselhaft, unverständlich: Warum tut der/die das? Ist einer Frau, die nur noch die Wohnung putzt, nichts anderes mehr wichtig? Tickt jemand noch richtig, der sich täglich Dutzende von Malen die Hände wäscht?

Sie können nicht anders, weil sie sich der Eigendynamik ihrer Rituale ausgeliefert fühlen. Zwangskranke würden gern normal leben, können es aber nicht. Da die Familie zudem oft in die bizarren Rituale eingebunden wird und selbst Strategien entwickelt, um nichts nach aussen dringen zu lassen, wird auch für sie der Alltag zum Albtraum. Eine Zwangsstörung gilt als heimliche Krankheit.

Zwangsstörungen gehören zu den am meisten belastenden und am schwierigsten zu behandelnden psychischen Erkrankungen.
 
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