Es ist zwar vernünftig, sich aus Angst, von einem hohen Gebäude zu fallen, nicht zu weit aus dem Fenster zu lehnen. Aber was ist vernünftig daran, wenn ein 31-jähriger Mann überhaupt kein Hochhaus betritt und einen Job ablehnt, weil er im 15. Stock arbeiten müsste? Oder wenn eine 45-jährige Frau beim Anblick einer Vogelfeder zu zittern, schwitzen und weinen beginnt - vor Angst kaum zu atmen wagt und am liebsten weglaufen würde? Flucht vor einer Vogelfeder?
Irrationale Ängste vor bestimmten Objekten oder Situationen
Andere Objekte und Situationen sind als Auslöser von Angstattacken eher vorstellbar - seien es Klassiker wie Spinnen, Hunde und Flugreisen oder Aufzüge und Gewitter. Dennoch gibt es genügend Menschen, die bereits beim Gedanken an Situationen wie den oben genannten mit furchtbarer Angst reagieren oder die sich davor fürchten, zu erröten, zu ersticken, im Dunkeln allein zu sein.
Solche Phobien
(phobos = Furcht), die auf eng umschriebene Situationen oder Objekte begrenzt sind und Zustände wie bei einer Panikstörung, Agoraphobie oder sozialen Phobie hervorzurufen vermögen, werden als
spezifische Phobie bezeichnet. Die bekanntesten Formen:
- Tierphobien (Angst vor Spinnen, Hunden, Schlangen, Reptilien etc.)
- Umweltphobien (Angst vor Stürmen, Höhe, Wasser, Gewitter etc.)
- Angst vor medizinischen Eingriffen (Blut-Injektions-Verletzungs-Phobie), z.B. Zahnarztphobie
- Flugphobie
- Klaustrophobie (Angst vor engen Räumen)
Spezifische Phobien - auch
einfache oder
isolierte Phobien genannt - gehören aufgrund ihrer weiten Verbreitung zu den häufigsten Angststörungen. Das scheint besonders für Tier- und Höhenphobien zu gelten.
Spezifische Phobien können lediglich eine gelegentlich auftretende Belästigung darstellen, sie können das Leben aber auch massiv beeinträchtigen. Entsprechend werden sie nur dann als krankhaft bezeichnet, wenn sie bei direkter Konfrontation mit der gefürchteten Situation den Tagesablauf, die üblichen sozialen Aktivitäten oder Beziehungen hemmen oder erhebliches Leid verursachen.
Jede Phobie hat einen Namen
Jede Situation und jedes Objekt kann zum Auslöser einer spezifischen Phobie werden. Und: für jede existiert ein Name. Eine lange Liste kommt zusammen, die manche absurd erscheinende Bezeichnung oder Phobie umfasst. Etwa die Angst vor der Farbe Gelb (Xanthophobie), oder die Angst vor Deutschland und der Kultur des Landes (Teutophobie).
Die Kardinalmerkmale variieren von leichtem Unbehagen bis zu anhaltender irrationaler Angst mit körperlichen und seelischen Symptomen wie Herzklopfen oder Schwächegefühl, Angst vor dem Sterben, Kontrollverlust oder dem Gefühl, wahnsinnig zu werden. Charakteristischerweise werden entsprechende Situationen beziehungsweise Objekte gemieden, bestenfalls mit ausgeprägter Angst ertragen.
Die Angst wird nicht durch die Erkenntnis gemildert, dass sie unbegründet oder objektiv nicht gerechtfertigt ist.
Patienten mit einer spezifischen Phobie fürchten die Folgen, die von der vermeintlichen Gefahr ausgehen, zum Beispiel den Hundebiss oder den Absturz. Im Gegensatz dazu fürchten Panikstörung vor allem ihre Angstattacken und deren Konsequenzen. Und Soziale Phobie die negative Bewertung durch andere.
Welche Rolle spielt das Alter?
Vielen Untersuchungen zufolge ist das Alter für die Art spezifischer Phobien bestimmend. Demnach entwickeln sie sich gewöhnlich in der Kindheit oder im frühen Erwachsenenalter und können unbehandelt jahrzehntelang bestehen. Einige Beispiele:
- Tierphobien: frühester Beginn etwa im Alter von 7 Jahren
- Blut- und Verletzungsphobien: frühester Beginn etwa im Alter von 9 Jahren
- Zahnarztphobien: frühester Beginn etwa im Alter von 11 Jahren
- Klaustrophobie: frühester Beginn etwa im Alter von 19 Jahren
Spezifische Phobien sind in der Regel nicht mit Suizidgedanken assoziiert. Die einzige Angststörung mit hohem Selbstmordrisiko ist die Panikstörung.
Wie die meisten Angststörungen können auch spezifische Phobien erfolgreich behandelt werden. Es genügen häufig wenige intensive ambulante Sitzungen, ausserdem ist die Prognose im Allgemeinen gut.
Zahlen und Fakten
- Spezifische Phobien gehören zu den häufigsten Angsterkrankungen. Allerdings schwanken die Schätzungen erheblich. Bis zu etwa 11 Prozent (andere Quellen nennen zwischen rund 6 und 20 Prozent bzw. 12 bis 17 Prozent) der erwachsenen Bevölkerung sollen im Laufe ihres Lebens mindestens einmal unter einer entsprechenden Erkrankung leiden.
- Tier- (insbesondere Spinnen, Insekten, Mäuse, Schlangen) und Höhenphobien scheinen am häufigsten vorzukommen.
- Frauen sind etwa doppelt so oft, zumindest aber häufiger von einer Spezifischen Phobie betroffen als Männer.
- Spezifische Phobien beginnen bereits in der Kindheit, am häufigsten um das 7. Lebensjahr. Ein zweiter Gipfel liegt um das 25. Lebensjahr.
- Das Alter ist sehr bestimmend für die Art der Phobie.
- Spezifische Phobien beginnen plötzlich (meist durch ein traumatisches Ereignis) und können spontan mit zunehmendem Alter remittieren.
- Andererseits kann eine spezifische Phobie unbehandelt chronisch verlaufen und unterschiedlich starke Beeinträchtigungen verursachen.
- An der Entstehung spezifischer Phobien sind verschiedene Faktoren und Prozesse beteiligt:
- Individuelle Unterschiede in Ängstlichkeit und Kontrollüberzeugung
- kulturelle Programmierung
- Konditionierungs- und Entwicklungsfaktoren
- Ausmass der Stressbelastung.
- Verwandte 1. Grades haben eine höhere Erkrankungswahrscheinlichkeit als Verwandte Nichtbetroffener. Unklar ist, ob diese Ergebnisse nur auf genetische Faktoren zurückgeführt werden können, denn Verwandte 1. Grades leben häufig auch in der gleichen Umwelt oder sind/waren ähnlichen Einflüssen ausgesetzt. Da Umweltfaktoren die Entstehung von Ängsten beeinflussen, könnten sie der Grund für die höhere Erkrankungswahrscheinlichkeit im verwandtschaftlichen Umfeld Betroffener sein.
In der Behandlung Spezifischer Phobien gilt die Kognitive Verhaltenstherapie als Domäne. Auf Grund der therapeutischen Möglichkeiten haben über zwei Drittel der Patienten eine gute Prognose und können langfristig von ihren Symptomen befreit werden. Es genügen häufig eine bis wenige intensive Sitzungen. Wenngleich es keine Indikation für eine stationäre Behandlung gibt, kann eine solche zur intensiveren Behandlung bei grossem Leidensdruck sinnvoll sein.