Ein solcher spontan auftretender Anfall wird als
Panikattacke bezeichnet, sich wiederholende Anfälle als
Panikstörung oder
Paniksyndrom. Dieser Begriff bezeichnet einen alt bekannten Krankheitszustand. Immerhin ist das Wort «Panik» vom Namen des altgriechischen Hirtengottes Pan abgeleitet: Pan war so hässlich, dass seine Mutter ihn verliess, als sie sah, was sie in die Welt gesetzt hatte. Trotz seines eher heiteren Wesens verfügte er über die Fähigkeit, Menschen urplötzlich in und Schrecken zu versetzen, so dass sie in heller Aufregung flohen. Viele mieden den Ort des Geschehens für immer.
Botschafter gewordener Konflikte oder Defizite
In der psychiatrischen Literatur sind akute Angstanfälle seit über 100 Jahren bekannt (vor allem durch S. Freud), wurden früher jedoch nur in Verbindung mit anderen Angsterkrankungen beschrieben. Sicher kommen Panikanfälle auch im Rahmen anderer Ängste vor, z.B. bei Zwangsstörungen. Dennoch lassen sie sich heutzutage gut von diesen Beschwerdebildern abgrenzen und haben den Rang einer eigenständigen Krankheit.
Eine Panikstörung ist ein gutes Beispiel für eine
psychosomatische Erkrankung. Bei psychosomatischen Erkrankungen wandelt sich seelischer Schmerz in körperliche Symptome - sie sind Botschafter gewordener Konflikte oder Defizite.
Tatsächlich kommt eine Panikstörung oft als Reaktion auf massive seelische Belastungen bzw. Stressreaktionen zum Ausbruch. Zu Beginn kann sie isoliert auftreten. Sobald sie aber dazu führt, dass sich Lebensgewohnheiten ändern, kommen weitere seelische Störungen hinzu.
Wer künftig jenen Orten und Situationen, die eine Attacke auslösten, aus dem Weg geht, reagiert mit einer
Agoraphobie. Unter dem Begriff wird nicht nur eine «Furcht vor öffentlichen Plätzen» verstanden, wie das die Übersetzung des griechischen «agora» nahelegen mag, sondern die Furcht vor einer Vielzahl öffentlicher Orte und Menschenansammlungen. Viele panische Patienten entwickeln im Laufe der Zeit ein solches «phobisches Vermeidungsverhalten» – viele verlassen das Haus nicht mehr ohne Begleitung – und somit eine Agoraphobie. Eine Agoraphobie kann aber auch ohne das vorherige Auftreten von Panikattacken entstehen.
Da sich die Panikstörung und die Agoraphobie in vielen Punkten überschneiden und sich im Verlauf einer Erkrankung oft nicht klar voneinander trennen lassen, werden in diesem Themenbereich die Panikstörung und die Agoraphobie gemeinsam behandelt.
Seit 1980 international anerkannt
Der Begriff Panikstörung oder Paniksyndrom wurde 1964 geprägt und 1980 von der American Psychiatric Association (APA) in das Diagnosesystem für psychische Erkrankungen («Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders», DSM) übernommen. Hierdurch hat sich der Begriff in kürzester Zeit weit verbreitet, ist heute international fest etabliert und findet sich auch in der aktuellen Klassifikation ICD-10 («International Classification of Diseases») der Weltgesundheitsorganisation WHO.
Charakteristisch ist, dass Panikattacken innerhalb weniger Minuten - manchmal Sekunden - ein Maximum erreichen. Der Herzschlag erhöht sich mässig bis stark, deshalb glauben viele Betroffene, sie würden einen Herzinfarkt erleiden und tot umfallen. Die Patienten fürchten eine körperliche oder geistige Katastrophe.
Der Angstanfall klingt von selbst wieder ab
Charakteristisch ist aber auch, dass die akuten Anfälle von selbst wieder abklingen - meist ebenfalls binnen weniger Minuten, manchmal auch im Verlauf einer halben Stunde. Was bleibt, sind Todesangst und Hilflosigkeit. Und Tränen. Denn eine ist ein quälendes Erlebnis, zumal es keine realistische äussere Bedrohung gibt.
Zudem wird ein Arzt nur selten unmittelbarer Zeuge, da kaum jemand gerade während des Arztbesuchs eine Attacke erleidet. In aller Regel lässt sich deshalb auch kein auffälliger organischer Befund stellen: die Betroffenen sind körperlich gesund. Leider hilft es nur wenig, wenn ihnen das immer wieder versichert wird. Im Gegenteil, sie zweifeln erst an den Ärzten, zum Schluss an sich selbst.
70 Prozent der Patienten mit Panikstörungen konsultieren zehn oder mehr unterschiedliche Fachärzte, bevor sie psychiatrisch untersucht werden. Es dauert im Schnitt sieben Jahre, bis die Panikstörung diagnostiziert und eine geeignete Behandlung eingeleitet wird.