Panikstörung

Panikstörung

Hauptmerkmal der Panikstörung sind wiederkehrende unerwartete, nicht durch äussere Umstände ausgelöste Panikattacken. Häufig tritt sie in enger Verbindung mit einer Agoraphobie auf - einer Furcht vor öffentlichen Plätzen und Menschenansammlungen.

Plötzlich hat die 30-jährige Frau im Einkaufszentrum Schweissausbrüche. Ihr Herz hämmert gegen den Brustkorb, alles um sie herum wirkt «wie in Nebel getaucht». Innerhalb von Sekunden geht es ihr derart schlecht, dass sie ihren Einkaufswagen stehen lässt und an die frische Luft rennt.

Zunächst denkt sie, dass das nur eine Kreislaufschwäche gewesen sei. Eine Woche später passiert das Gleiche aber schon wieder – diesmal im Kino. Am nächsten Morgen geht sie sofort zum Hausarzt. Nach gründlicher Untersuchung inklusive EKG lässt sich keine körperliche Ursache finden – obwohl die junge Frau erklärt hatte, dass ihr Herz raste, dass sie schwitzte, und dass sie Benommenheits- und Erstickungsgefühle hatte.

Die Diagnose «alles normal» beruhigt sie nicht, denn sie wüsste gern, was diese Zustände auslöst. Fortan lässt sie die Furcht nicht mehr los, plötzlich an einem Herzinfarkt zu sterben.


Red Ribbon: DBüste des Hirtengotts Pan (ca. 460 v.Chr., Griechisches Nationalmuseum in Athen)
Namensgeber: Hirtengott Pan (Büste ca. 460 v.Chr., Griechisches Nationalmuseum in Athen)

Ein solcher spontan auftretender Anfall wird als Panikattacke bezeichnet, sich wiederholende Anfälle als Panikstörung oder Paniksyndrom. Dieser Begriff bezeichnet einen alt bekannten Krankheitszustand. Immerhin ist das Wort «Panik» vom Namen des altgriechischen Hirtengottes Pan abgeleitet: Pan war so hässlich, dass seine Mutter ihn verliess, als sie sah, was sie in die Welt gesetzt hatte. Trotz seines eher heiteren Wesens verfügte er über die Fähigkeit, Menschen urplötzlich in Angst und Schrecken zu versetzen, so dass sie in heller Aufregung flohen. Viele mieden den Ort des Geschehens für immer.


Botschafter chronisch gewordener Konflikte oder Defizite

In der psychiatrischen Literatur sind akute Angstanfälle seit über 100 Jahren bekannt (vor allem durch S. Freud), wurden früher jedoch nur in Verbindung mit anderen Angsterkrankungen beschrieben. Sicher kommen Panikanfälle auch im Rahmen anderer Ängste vor, z.B. bei Zwangsstörungen. Dennoch lassen sie sich heutzutage gut von diesen Beschwerdebildern abgrenzen und haben den Rang einer eigenständigen Krankheit.

Eine Panikstörung ist ein gutes Beispiel für eine psychosomatische Erkrankung. Bei psychosomatischen Erkrankungen wandelt sich seelischer Schmerz in körperliche Symptome - sie sind Botschafter chronisch gewordener Konflikte oder Defizite.

Tatsächlich kommt eine Panikstörung oft als Reaktion auf massive seelische Belastungen bzw. Stressreaktionen zum Ausbruch. Zu Beginn kann sie isoliert auftreten. Sobald sie aber dazu führt, dass sich Lebensgewohnheiten ändern, kommen weitere seelische Störungen hinzu.

Wer künftig jenen Orten und Situationen, die eine Attacke auslösten, aus dem Weg geht, reagiert mit einer Agoraphobie. Unter dem Begriff wird nicht nur eine «Furcht vor öffentlichen Plätzen» verstanden, wie das die Übersetzung des griechischen «agora» nahelegen mag, sondern die Furcht vor einer Vielzahl öffentlicher Orte und Menschenansammlungen. Viele panische Patienten entwickeln im Laufe der Zeit ein solches «phobisches Vermeidungsverhalten» – viele verlassen das Haus nicht mehr ohne Begleitung – und somit eine Agoraphobie. Eine Agoraphobie kann aber auch ohne das vorherige Auftreten von Panikattacken entstehen.

Da sich die Panikstörung und die Agoraphobie in vielen Punkten überschneiden und sich im Verlauf einer Erkrankung oft nicht klar voneinander trennen lassen, werden in diesem Themenbereich die Panikstörung und die Agoraphobie gemeinsam behandelt.


Seit 1980 international anerkannt

Der Begriff Panikstörung oder Paniksyndrom wurde 1964 geprägt und 1980 von der American Psychiatric Association (APA) in das Diagnosesystem für psychische Erkrankungen («Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders», DSM) übernommen. Hierdurch hat sich der Begriff in kürzester Zeit weit verbreitet, ist heute international fest etabliert und findet sich auch in der aktuellen Klassifikation ICD-10 («International Classification of Diseases») der Weltgesundheitsorganisation WHO.

Charakteristisch ist, dass Panikattacken innerhalb weniger Minuten - manchmal Sekunden - ein Maximum erreichen. Der Herzschlag erhöht sich mässig bis stark, deshalb glauben viele Betroffene, sie würden einen Herzinfarkt erleiden und tot umfallen. Die Patienten fürchten eine körperliche oder geistige Katastrophe.


Der Angstanfall klingt von selbst wieder ab

Charakteristisch ist aber auch, dass die akuten Anfälle von selbst wieder abklingen - meist ebenfalls binnen weniger Minuten, manchmal auch im Verlauf einer halben Stunde. Was bleibt, sind Todesangst und Hilflosigkeit. Und Tränen. Denn eine Panikattacke ist ein quälendes Erlebnis, zumal es keine realistische äussere Bedrohung gibt.

Zudem wird ein Arzt nur selten unmittelbarer Zeuge, da kaum jemand gerade während des Arztbesuchs eine Attacke erleidet. In aller Regel lässt sich deshalb auch kein auffälliger organischer Befund stellen: die Betroffenen sind körperlich gesund. Leider hilft es nur wenig, wenn ihnen das immer wieder versichert wird. Im Gegenteil, sie zweifeln erst an den Ärzten, zum Schluss an sich selbst. 70 Prozent der Patienten mit Panikstörungen konsultieren zehn oder mehr unterschiedliche Fachärzte, bevor sie psychiatrisch untersucht werden. Es dauert im Schnitt sieben Jahre, bis die Panikstörung diagnostiziert und eine geeignete Behandlung eingeleitet wird.



Zahlen und Fakten

  • Seit 1980 wurden weltweit grosse Studien zur Häufigkeit der Panikstörung und Agoraphobie durchgeführt. Ergebnis: Etwa 10 Prozent der Gesamtbevölkerung hat mindestens einmal im Leben eine Panikattacke. Bei etwa 5 Prozent bleibt es bei einer Attacke. Rund 3,5 Prozent entwickeln eine Panikstörung ohne, etwa 1,5 Prozent eine mit Agoraphobie. Agoraphobie ohne Panikstörung in der Vorgeschichte entwickeln 3,5 bis fast 7 Prozent.
  • Die Häufigkeit der Attacken variiert stark. Wenn sich das Problem jedoch erst einmal verfestigt hat, verschwindet es selten von allein.
  • Eine Agoraphobie kann sich innerhalb von Tagen ausbilden, es kann aber auch Monate bis Jahre dauern.
  • Angsterkrankungen finden sich bei Frauen etwa doppelt so häufig wie bei Männern. Das gilt auch für Panikstörungen ohne Agoraphobie; unter den Patienten mit Agoraphobie sind Frauen dreimal häufiger anzutreffen. In der Literatur wird diskutiert, dass dieser Unterschied auch etwas mit dem unterschiedlichen Rollenverhalten zu tun hat.
  • Der erste Panikanfall kann sowohl in der frühen Kindheit als auch im späten Erwachsenenalter auftreten. Untersuchungen haben bei 5 bis nahezu 30 Prozent aller Panikpatienten den ersten Anfall zwischen zehn und 14 Jahren ausgemacht. Die Behandlung beginnt häufig erst zehn und mehr Jahre später. Bei erwachsenen Frauen und Männern tritt die erste Attacke zwischen 18 und 35 Jahren auf. Das Durchschnittsalter liegt bei 24 (Panikstörung) bzw. 28 (Agoraphobie). Bei Männern gibt es ausserdem einen zweiten Altersgipfel für das «erste Mal», er liegt jenseits des 40. Lebensjahres.
  • In der Kindheit beginnende Panikattacken und -störungen sind mit höherem Risiko für Depression, Suizid, Alkoholismus oder anderen psychiatrischen Erkrankungen verbunden.
  • Bei rund 80 Prozent der Patienten entwickelt sich eine Panikstörung als Reaktion auf sehr belastende Lebensereignisse.
  • Schwierige Familiensituationen sind ein Risikofaktor: Getrennt lebende, geschiedene und plötzlich verwitwete Menschen sind im Vergleich zu Verheirateten und allein Lebenden häufiger betroffen.
  • Über 90 Prozent der ersten Panikanfälle treten an einem öffentlichen Ort auf.
  • Sich wiederholende Panikattacken führen ausser zur Agoraphobie zu weiteren so genannten sekundären Angstsyndromen:
    • Depressionen
    • Suizidgedanken bzw. -versuchen
    • Medikamentenmissbrauch
    • Alkoholmissbrauch
    • Verlust an Selbstachtung
    • Hypochondrischen Haltung mit wiederholten medizinischen Komplettchecks
    Hintergrund: Die Betroffenen sind der Überzeugung, an einer schweren körperlichen Krankheit zu leiden, obwohl Ärzte das Gegenteil versichern.
  • Medikamenten- oder Alkoholmissbrauch wird von Forschern als fehlgeschlagener Versuch zur Selbstmedikation interpretiert. Bei unbehandelter Panikstörung entwickeln rund 30 Prozent eine Arzneimittel-, 50 Prozent eine Alkoholabhängigkeit.
  • In einer deutschen Untersuchung mit rund 800 Patienten wurde gezeigt, dass 70 Prozent der Patienten auf der Suche nach Hilfe zehn oder mehr Ärzte konsultiert hatten, und dass nur vier Prozent sofort richtig behandelt worden waren.
  • Wenn überhaupt, kommen Panikpatienten im Durchschnitt erst nach sieben Jahren zum Psychiater. 70 Prozent von ihnen in schwerem Stadium, in dem sie wegen einer Agoraphobie das Haus nicht mehr ohne Begleitung verlassen. Diese Abhängigkeit geht mit familiären, sozialen und beruflichen Behinderungen und Konflikten einher. Bei vielen stehen diese sekundären Probleme so stark im Vordergrund, dass die Panikstörung übersehen werden kann.
  • Auf Grund der therapeutischen Möglichkeiten haben über zwei Drittel der Patienten eine gute Prognose und können langfristig von ihren Symptomen befreit werden.
 
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