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EDITORIAL: Abschied in Zeitlupe
Der Mann glaubt felsenfest an die Wissenschaft. Prof. Beda Stadler ist Biologe, selbst Forscher, Direktor des Institutes für Immunologie an der Berner Universität. Er vertraut dem Fortschritt in der Medizin, setzt sich kämpferisch ein für die Anerkennung der Gentechnologie, hält Homöopathie für Hokuspokus und Impfungen für den besten Präventivschutz. Er kennt das Waffenarsenal gegen die Krankheiten, die uns bedrohen, ihn kann nichts aus der Ruhe bringen. Oder doch? Kürzlich traf ich Beda Stadler bei einer Diskussion über Gesundheitskosten. Da gestand er, obwohl er gerne in bissigen Kommentaren Stärke markiert, dass auch er Angst kennt. «Eigentlich nur eine Angst, die Angst vor Alzheimer», sagt er. «Wenn ich am Morgen erwache, teste ich mich manchmal, ob ich mich noch an gewisse Dinge erinnern kann. Und wenn ich dann einen Kollegen von der Neurologie treffe, frage ich ihn nach Anzeichen dieser schrecklichen Krankheit aus…»
Alzheimer, das Verabschieden im Zeitlupentempo aus der normalen, der gesunden Welt, der langsame, unaufhaltsame Verlust des Denkens, des Gedächtnisses. Alzheimer, die Krankheit, gegen die es immer noch keine Heilmittel gibt. Höchstens ein bisschen verzögern kann man heute Alzheimer, mehr nicht. Wovor hat Beda Stadler, haben wir alle Angst? Es ist die Angst vor der Entmündigung, die Angst, nicht mehr selbst bestimmen zu können, die Angst, lebendig den Geist aufzugeben. Alzheimer ist allgegenwärtig: Zu den über 100'000 Erkrankten in der Schweiz kommen täglich 60 neue Fälle dazu. Unsere Redaktorin Annegret Czernotta hat die wichtigsten Fakten über diese Krankheit in der Titelgeschichte zusammengefasst. Auch hier zeigt sich einmal mehr: Früherkennung ist das Wichtigste.
Expertin in unserem Bericht ist Dr. Gabriela Bieri-Brüning, Leiterin der Abteilung Geriatrie im Stadtärztlichen Dienst Zürich. Eine ihrer Aussagen lässt mich nicht mehr los, weckt eine neue, hoffnungsvolle Dimension bei der Beurteilung von Alzheimer. Sie sei überzeugt, sagt die Frau, die sich täglich mit Demenzkranken beschäftigt, dass die Betroffenen von all dem, was uns schreckt, nichts mitbekommen. «Wenn wir ihnen Pflege und Geborgenheit geben können, bin ich überzeugt, dass sie nicht leiden, vielleicht sogar auf ihre Art glücklich sind.»
Ich hoffe, diese Erkenntnis nimmt auch Beda Stadler etwas von seiner Angst…
Herzlich, Ihr Fibo Deutsch