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EDITORIAL: Sanfter Aufbruch
Er chrampft schon wieder 100 Prozent. Vielleicht auch etwas mehr. Seine Frau befürchtet, dass er bald ein zweites Mal ausgebrannt ist. Der 47-jährige Peter Baumgartner, am Arbeitsplatz verantwortlich für 300 Leute, wird dann eines Morgens auf dem Bettrand sitzen, ein Häuflein Elend, und nicht mehr aus noch ein wissen. So, wie es ihm schon einmal passierte. Ein Team von Fachleuten musste ihn in einer Burnout-Spezialklinik aufpäppeln. Er erzählt davon im Beitrag meiner Kollegin Claudia Laube (ab Seite 30).
Hat der Mann nichts gelernt trotz aller Bemühungen rund um ihn herum? Peter Baumgartner ist ein Chrampfer und ein Perfektionist geblieben. Attribute, die positiv besetzt sind in unserer Leistungsgesellschaft. Ein moderner Held der Arbeitswelt. Die Tipps, die er mit auf den Weg bekam, tönen etwas banal: Auf die Signale seines Körpers hören solle er, auch einmal etwas zurückstecken, 80 anstatt 100 Prozent leisten.
Doch wahrscheinlich braucht es mehr für die Gesundung. Ein radikaleres Umdenken. Denn nicht nur einzelne Menschen sind gefährdet, sondern der Planet, auf dem wir leben. Mein Rezept heisst: sanfter Aufbruch zur Leistungsverweigerung. Sanft, weil wir niemandem schaden wollen. Aufbrechen, weil wir einmal im Leben etwas wirklich Mutiges tun sollten. Und mit Leistungsverweigerung meine ich: den unwidersprochenen Zwang nach Wachstum durchbrechen. Denn Wachstum braucht nur, wer auf Pump lebt – um die Zinsen zu zahlen. Der Zwang zum Wachstum aber zerstört die Erde, und er brennt die Menschen aus. Wer zufrieden sein kann mit dem, was er hat, ist nicht auf Wachstum angewiesen. Also die meisten von uns. Oder etwa nicht?
Im Klostergarten von Heiligkreuz bei Cham im Kanton Zug hätscheln zwei Nonnen ihre Kräuter. Wie meine Kollegin Angela Fässler in ihrem Beitrag (ab Seite 14) schreibt, glauben die Ordensschwestern, was sie sehen: Ihre Mittel helfen gegen fast jedes Gebrechen. Die gläubigen und glaubenden Frauen sind weit weg von einem Wachstumsmarkt. «Bete und arbeite» ist ihr Leitspruch. Sie machen einen zufriedenen Eindruck.
Herzlich, Ihr Beat Leuenberger