11/2009
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EDITORIAL: Helvetische Zurückhaltung
Die Frage ist: Wollen wir wirklich alles wissen über unsere Gesundheit? Und wenn nicht: wie viel dann? Gentests finden etwa heraus, ob eine Frau eine Veranlagung in ihrem Erbgut trägt, im Verlauf des Lebens an Brustkrebs zu erkranken. Kommt ein «Brustkrebsgen» zum Vorschein, hat sie ein sehr hohes Risiko. Wie aber weiter, wenn sie diese Gewissheit hat? Schliesslich findet sie ja nicht nur etwas über sich heraus, sondern auch über ihre Familie.

In der genetischen Beratung gilt es also zu besprechen, wie eine Frau und ihre Familie mit diesem erhöhten Krebsrisiko umgehen wollen. Ist es sinnvoll, alle Familienmitglieder zur genetischen Beratung aufzubieten? Welche Überwachungsmassnahmen möchte eine Frau mit stark erhöhtemBrustkrebsrisiko ergreifen? Oder soll sie sich vorsorglich ihre (gesunden) Brüste wegnehmen lassen und der Krankheit so ein Schnippchen schlagen? Wir haben die 50-jährige Sylvia Malpezzi getroffen, für die dies der richtige Weg war (Seite 12).

Dr. Gabriella Pichert leitet in Spitälern in England und in der Schweiz krebsgenetische Beratungsstellen. «Der Weg in ein genetisches Beratungszentrum ist in England klarer geregelt», sagt sie im Interview (Seite 13). «In der Schweiz müssen die Patientinnen manchmal selbst aktiv werden und von ihren Hausärzten eine Überweisung an eine genetische Beratungsstelle verlangen.»

Sollen wir es beklagen? Oder ist es Ausdruck einer schweizerischen Zurückhaltung vor dem Alleswissen- Wollen? Weder gut noch schlecht. Einfach eine Tatsache, die es zu respektieren gilt. Die Angelsachsen kennen in diesen Dingen keine Zurückhaltung: Anfang dieses Jahres ist in London das erste genetisch ausgewählte Designer-Baby ohne Brustkrebsgen zur Welt gekommen. Die Eltern hatten sich für eine künstliche Befruchtung und die anschliessende Auswahl eines «genetisch einwandfreien» Embryos entschieden. In der Familie des Vaters war in den vorangegangenen drei Generationen Brustkrebs aufgetreten. Präimplantationsdiagnostik heisst das Verfahren in der Fachsprache. In England erlaubt. In der Schweiz (noch) verboten. Einfach eine Tatsache!

Wollen wir alles wissen über unsere Gesundheit und unser Schicksal? Wenn wir dem Missbrauch, den das Wissen möglich macht, einen Riegel schieben wollen, sollten wir Verfahren wie die Präimplantationsdiagnostik weiterhin verbieten in unserem Land.

Herzlich, Ihr Beat Leuenberger
 
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