Rückenschmerzen
Rückenschmerzen
Die Wirbelsäule gibt Halt und zugleich Beweglichkeit. Diese Doppelfunktion ist der Grund, warum viele Menschen mit Rückenproblemen kämpfen.


VON DR. ANTON SEBESTA UND MÄGI SCHALLER *

Die Wirbelsäule, auch Rückgrat genannt, ist der zentrale Pfeiler des Menschen. Sie stützt und hält den Körper nicht nur aufrecht, sondern ermöglicht ihm durch zahlreiche Muskeln, Bandscheiben zwischen den Wirbelkörpern und den Wirbelgelenken eine überaus vielseitige Beweglichkeit.

Auch bei regelmässig trainierenden Sportlern ist das Auftreten von Rückenschmerzen keine Seltenheit. Sogar dann, wenn sie Rumpfübungen im Trainingsprogramm einbauen! Häufig liegt der Fehler darin, dass wir die falsche Rumpfmuskulatur trainieren.

Rückenschmerzen bei aktiven und bewegungsfreudigen Menschen können auf vielfältige Bewegungsstörungen der Wirbelsäule zurückgeführt werden. Wissenschaftliche Untersuchungen haben gezeigt, dass nicht die Maximalkraft der oberflächlichen Rumpfmuskulatur, sondern das optimale Arbeiten der tiefen Muskulatur massgebend ist, um Rückenbeschwerden vermeiden zu können.

Ein gutes Zusammenwirken der oberflächlichen und tiefen Muskelgruppen spielt ebenfalls eine grundlegende Rolle, um die Rückenbeschwerden positiv zu beeinflussen. Die tiefen Muskelschichten geben der Wirbelsäule eine so genannte segmentale Stabilität, indem sie eine Verbindung von Wirbelkörper zu Wirbelkörper bilden und somit die Bewegung zwischen den einzelnen Wirbelkörpern kontrollieren können.

Dieses Haltesystem stabilisiert das Wirbelgelenk bei Bewegung und Haltung innerhalb seiner normalen Bewegungsgrenzen, es gliedert sich in drei Anteile:
  • Das passive System, bestehend aus Kapseln, Bändern, Sehnen und Gelenken.
  • Der aktive Teil, bestehend aus der Muskulatur.
  • Das Nervensystem, das alle Bewegungen kontrolliert und steuert.
  • Geeignete Hilfsmittel einsetzen, z.B. Sitz- oder Stützkissen im Kreuz.

Um eine gute Stabilisation zu erlangen, müssen diese drei Systeme jederzeit optimal zusammenarbeiten und sich immer wieder auf neue äussere Einflüsse wie Kräfte und Positionen einstellen können. Die Gelenke, Bänder, Sehnen und Kapseln geben Informationen via Rückmelder an das Steuerungssystem (Nervensystem) weiter und beeinflussen damit die Aktivität der Muskulatur.

Die Rumpfmuskulatur wird aufgrund ihrer anatomischen Eigenschaften in zwei Systeme aufgeteilt:
  • Das tiefer gelegene System: Es besteht aus zahlreichen kleinen Muskelbündeln, verbindet Wirbelkörper mit Wirbelkörper und ist hauptsächlich für die Stabilisation und die Feineinstellung der einzelnen Wirbelkörper (segmentale Stabilisation) zuständig.
  • Das oberflächliche, globale System: Verantwortlich für die grossen Rumpfbewegungen wie Drehen, zur Seite Neigen, sich Aufrichten.

Die wichtigen Muskeln für die segmentale Stabilisation sind die quer verlaufenden Bauchmuskeln und Muskelbündel am Rücken, die einzelne Wirbelsegmente miteinander verbinden. Dieses tiefe Muskelsystem bildet zusammen mit dem Zwerchfell und der Beckenbodenmuskulatur ein so genanntes Korsett, welches die Funktion hat, die auf die Wirbelsäule einwirkenden Kräfte zu übernehmen und Scherkräfte, ausgelöst durch die Aktivität der Extremitäten, aufzufangen.

Um ein Gelenk optimal stabilisieren zu können, muss die Muskulatur eine Anspannung längere Zeit halten können und die Fähigkeit besitzen, auf die von aussen einwirkenden Kräfte schnell und ökonomisch zu reagieren. In Bezug auf das Trainingsprogramm bei Rückenbeschwerden ist es wichtig zu wissen, dass nicht das Stemmen von möglichst schweren Gewichten oder die Wiederholungszahl der Übungen im Vordergrund stehen, sondern die Aktivierung der tiefen Muskelgruppen, das Bewegungslernen und die Körperwahrnehmung.

Nicht die Maximalkraft der Muskulatur, sondern die muskuläre Kontrolle der Bewegung, die Wahrnehmung der Muskelanspannung und das kontrollierte und ökonomische Einsetzen der Muskulatur während einer Bewegung sind die wichtigen Faktoren, ebenso wie später die Ausdauer der stabilisierenden und bewegenden Muskelgruppen. Auch müssen wir das Zusammenspiel mit der Muskulatur der unteren Extremitäten trainieren, um rückenschonend den Alltag bewältigen zu können.

Das Training läuft in verschiedenen Phasen ab. Im Vordergrund steht die Schulung der Körperwahrnehmung mit bewusster, isolierter, willentlicher Anspannung der stabilisierenden, tiefen Muskelgruppen in einfachen Ausgangsstellungen wie in der Rückenlage oder der Bauchlage. Dabei werden fehlerhafte, zu Schmerzen führende Bewegungsmuster korrigiert und die Position mit kontrollierter Atmung eingeübt.

In der zweiten Phase erschwert man das Training mit Zusatzaufgaben. Unter Anspannung der stabilisierenden Rumpfmuskulatur werden Bewegungen der Extremitäten, das Üben auf diversen, labilen Unterstützungsflächen trainiert. Unser Endziel ist es, das Programm so weit aufzubauen, dass man zuerst das Alltagsleben und später durch Erschwerung der Übungen seinen Sportalltag beschwerdefrei bewältigen kann.

Wie wir unschwer erkennen, erfordert der Aufbau Disziplin, Körpergefühl, aber auch Fachwissen. Wir denken, auch für sportlich aktive Menschen ist die Hilfe einer Fachperson zur richtigen Instruktion unerlässlich, um mit Freude und schmerzfrei Sport treiben zu können.


* Dr. Sebesta, FMH Orthopädische Chirurgie und Sportmedizin SGSM, und Sportphysiotherapeutin Mägi Schaller sind an der Hirslanden Sportklinik Birshof in Münchenstein tätig.
 
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