Rückenschmerzen
Rückenschmerzen
Sie stützt Kopf, Schultern, Arme und Brustkorb, überträgt die Last auf Becken und Beine und kann sich dabei auch noch biegen und drehen: Die Wirbelsäule ist ein Meisterwerk natürlicher Ingenieurskunst - und Sorgenkind von Millionen Menschen.


Lordose und Kyphose: Die Wirbelsäule hat eine Art Doppel-S-Form. Jeder Mensch hat bei aufrechter Haltung eine individuell ausgeprägte Lordose (1) in der Halswirbelsäule – das heisst eine leichte Beugung nach vorne. In der Brustwirbelsäule eine Beugung nach hinten, Kyphose (2), in der Lendenwirbelsäule wieder nach vorne. Und beim Kreuzbein wieder eine Beugung nach hinten.

Die Halswirbelsäule besteht aus sieben Wirbeln. Der oberste Wirbel ist der Atlas. Der unterste Wirbel ist an seinem Dornfortsatz gut spürbar. 36 Prozent der Rückenpatienten haben Schmerzen an der Halswirbelsäule.

Die Brustwirbelsäule setzt sich aus zwölf Wirbeln zusammen. Hier sind die Rippen befestigt. Zwei Prozent der Rückenpatienten schmerzt die Brustwirbelsäule.

Die Lendenwirbelsäule hat fünf, manchmal auch sechs Wirbel. Hier entsteht die grösste Kraftübertragung. Deshalb haben 62 Prozent aller Patienten Schmerzen an diesem Wirbelsäulenabschnitt.

VON CAIUS SCHMID *

Menschen und Segelschiffe haben zwei Dinge gemeinsam: Sie können mehr aushalten, als man ihnen zutraut. Sie überstehen Flauten und Stürme, liegen mal hart im Wind, plätschern mal vor sich hin und fahren am schnittigsten bei moderatem Wellengang. Doch steht der Mast schief, knickt er ein oder bricht gar entzwei, sind sie verletzlicher als vermutet. Ein Schiff mit kaputtem Mast ist nur noch schwer zu manövrieren – analog dazu erleiden Menschen mit strapazierter Wirbelsäule oftmals Schiffbruch. Denn spielt das Stützorgan nicht mehr richtig mit, gerät der ganze Körper aus dem Lot. Davon können Millionen von Menschen, die an Rückenschmerzen leiden, ein Lied singen.

Warum aber hat die Natur den Menschen mit einem derart anfälligen Mast ausgestattet? Weil sie ein Organ erfinden musste, auf das sie Kopf, Schultern, Arme und Brustkorb stützen und deren Last sie auf Becken und Beine übertragen konnte. Zudem sollte das Organ so beweglich sein, dass es sich biegen und drehen lässt. Also baute die Natur eine Säule aus rund 24 beweglichen Wirbeln, verankerte diese in fünf verwachsenen Kreuzbeinwirbeln und zur Sicherheit noch in drei bis fünf Steissbeinwirbeln und formte das Ganze mit Hilfe der Schwerkraft in eine S-Form. Die Wirbelsäule, das müssen wir zugeben, ist ein Meisterwerk der natürlichen Ingenieurskunst.

Zoomen wir noch näher heran: Die Wirbelsäule ist unterteilt in sieben Hals-, zwölf Brust- und fünf, gelegentlich auch sechs Lendenwirbel.

Der erste Halswirbel, der Atlas, besteht nur aus einem knöchernen Ring. Somit liegt der Kopf wie in einer Schüssel, was ihn auf alle Seiten hin beweglich macht.

Die grösste Kraftübertragung geschieht in der Lendenwirbelsäule, deshalb sind hier auch die grössten Wirbel. Der Körper dieser Wirbel ist bogenförmig und die einzelnen Gelenkflächen der kleinen Wirbelgelenke stehen parallel zueinander. Auf Grund dieser anatomischen Begebenheiten ist die Lendenwirbelsäule bei weitem weniger beweglich gut strecken und dehnen.

Wirbelsegment: Ein Segment besteht aus einem Wirbelkörperpaar (1) mit der dazwischen liegenden Bandscheibe (2). Die Bandscheibe setzt sich zusammen aus dem inneren Gallertkern (Nucleus pulposus) und einem äusseren Faserring (Anulus fibrosus).

Querfortsatz (3): Jeder Wirbel hat zwei Querfortsätze. Sie sind Ansatzstellen für jene Muskeln, die die Wirbelsäule bewegen.

Rückenmark (4):Ist die Verbindung zwischen Hirn und Spinalnerven.

Spinalnerven (5) Sind mit dem Rückenmark verbunden und versorgen die Muskeln mit elektrischen Impulsen, die Bewegung und Empfindung möglich machen.

Jeder Wirbel besteht unter anderem aus einem Wirbelkörper, einem Wirbelbogen, zwei Querfortsätzen, einem Dornfortsatz, einem Wirbelloch und zwei Zwischenwirbellöchern. Die Wirbelkörper tragen die Lasten des Oberkörpers und leiten die Kraft auf das Becken und Beine weiter. Die Wirbelbögen wiederum umgeben und schützen das Rückenmark hinter den Wirbelkörpern, während die Querfortsätze als Ansatzstellen für jene Muskeln fungieren, welche die Wirbelsäule bewegen. Im Bereich der Brustwirbelsäule docken an den Querfortsätzen zudem die Rippen an. Die Querfortsätze bilden damit die Basis für den gesamten Brustkorb.

Der Dornfortsatz am hinteren Teil des Wirbelbogens dient den Muskeln als Hebel zum Bewegen der Wirbelsäule. Die Wirbellöcher bilden den Wirbelkanal, durch den das Rückenmark direkt ins Hirn leitet, wohingegen die Zwischenwirbellöcher die Abgangsstellen der Nerven sind, die vom Wirbel aus das Rückenmark verlassen. Diese Nerven versorgen die Muskeln mit elektrischen Impulsen, die Bewegung möglich machen.

Stabilisiert wird dieses raffinierte Bauwerk durch die Wirbelsäulenbänder. Das Wichtigste ist das gelbliche Zwischenbogenband, das Ligamentum flavum, das sich seitlich der Wirbelbögen aufspannt. Es besteht aus elastischen Fasern und hilft der Wirbelsäule immer wieder sich aufzurichten.

Oberflächliche Muskulatur
Kopfwender (1) (Musculus sternocleidomastoideus)

Trapezmuskel (2) (Musculus trapezius): Zieht den Schultergürtel nach oben, unten und hinten.

Grosser breiter Rückenmuskel (3) (Musculus obliquus abdominis): Einseitig neigt er den Rumpf zur gleichen Seite und dreht ihn zur Gegenseite. Arbeiten die Muskeln beider Seiten zusammen, so sind sie verantwortlich für die Beugung des Rumpfes und die Hebung des Beckens.

Kleiner (5) und grosser (6) rautenförmiger Muskel (Musculus rhomboideus minor et major): Ziehen die Schulterblätter zueinander und aufwärts.

Längster Rückenmuskel (7) (Musculus erector spinae): Streckt die Wirbelsäule.

Zwischenrippenmuskeln (8) (Musculi intercostales externi): Werden zum Atmen gebraucht.

Innerer schräger Bauchmuskel (9) (Musculus obliquus internus abdominis): Dreht den Rumpf zur gleichen Seite mit dem äusseren Bauchmuskel.

Zoomen wir nun vom einzelnen Wirbel wieder zurück und fassen die nächstgrössere Einheit ins Auge: Die Wirbelsegmente. Orthopäden, Wirbelsäulenchirurgen und Manualmediziner reden häufig von so genannten Wirbel- oder Bewegungssegmenten. Gemeint ist damit ein Wirbelkörperpaar mit der dazwischenliegenden Bandscheibe. Die Bandscheibe besteht aus einer gallertartigen Masse (Nucleus pulposus), die von einem Faserring (Anulus fibrosus) umgeben ist und «nährt» sich aus Gelenksflüssigkeit, die ihr durch Belastung und Entlastung abgegeben wird. Das heisst, die Bandscheibe funktioniert wie ein Schwamm: Wird sie entlastet, saugt sie die Flüssigkeit auf, durch Belastung wird die Flüssigkeit wieder ausgedrückt. Wird die Bandscheibe nun überhaupt nicht bewegt, trocknet sie aus. Deshalb ist es wichtig, etwa beim Sitzen immer wieder eine neue Haltung einzunehmen, um die Bandscheibe zu entlasten. Liegt man entspannt auf dem Rücken, dauert es rund 15 bis 30 Minuten, bis sie wieder vollgesogen ist.

Wenn die Wirbelsäule dem Mast eines Schiffes entspricht, so ähneln die Muskeln den Wasten, dessen Drahtseilen. Denn so wie es auf dem Schiff verschiedene Grössen und Funktionen der Segel gibt, gibt es auch bei den Muskeln unterschiedliche Systeme. Wir differenzieren zwischen der feinen und der oberflächlichen Muskulatur.

Die feinen Muskeln sind ganz nah bei der Wirbelsäule, steuern die Beweglichkeit des einzelnen Wirbels und sind oft die ersten, die bei mangelnder Bewegung verkümmern.

Zu den oberflächlichen Muskeln (Grafik rechts) gehören die gerade und schräge Bauchmuskulatur sowie die grossen Rückenstrecker. Sie halten den Rücken aufrecht und fangen die äusseren Kräfte auf die Wirbelsäule auf. Sind die Muskeln untrainiert oder verkrampfen sie sich aus Angst, wegen falscher Belastung oder Übersäuerung, ziehen oder stauchen sie sich zusammen und beeinflussen dadurch oft auch den Wirbel, mit dem sie verbunden sind – was zu Rückenbeschwerden oder eben zum Schiffbruch führen kann.


* Caius Schmid ist Dipl. Physiotherapeut und Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für erweiterte Physiotherapie SGEP
 
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