Rückenschmerzen
Rückenschmerzen
Schmerzen hat jeder Mensch irgendwann im Laufe seines Lebens. Gefährlich wird es dann, wenn akute Schmerzen chronisch werden. Patienten fühlen sich oft hilflos. Ohnmächtig sind sie aber nicht. Geist und Körper senden Zeichen. Wichtig ist, die Warnsignale rechtzeitig zu erkennen.


INTERVIEW: CARL J. WIGET

Herr Brioschi*, was tun Sie als Schmerzspezialist, wenn Ihnen etwas weh tut?
Roberto Brioschi (lacht): Zurzeit habe ich tatsächlich leichte Halsschmerzen. Dagegen hilft Tee trinken und abwarten. Schlimmer war es, als ich vor kurzem während der Toskana-Ferien vom Pferd fiel. Ich prallte auf die rechte Hüfte und aufs rechte Handgelenk. Einige Stunden später meldeten sich starke Schmerzen, ich konnte nur mit Mühe auf dem rechten Bein stehen.


Was empfanden Sie dabei?
Ärger, Angst vor verpfuschten Ferien, ich verspürte das Bedürfnis, mich mitzuteilen – andere würden dies «klagen» nennen. Aber ich habe mich bewusst bewegt, um dem Humpeln entgegenzuwirken. Und kurz darauf setzte ich mich bereits wieder aufs Pferd! Am Abend nahm ich dann eine Schmerztablette. Da ich am folgenden Tag mit geringeren Schmerzen erwachte, besserte sich meine Stimmung rasch.


Lösen akute Schmerzen immer solche Gefühle aus?
Die Palette reicht von Unsicherheit und Ängsten über Ärger bis zu Schuldgefühlen über die eigene Ungeschicklichkeit. Kein Wunder, denn die Schmerzsignale führen durch jenen Bereich im Gehirn, in dem Emotion aktiviert wird – das limbische System. Aufpassen müssen wir, wenn sich ein Gefühl der Hilflosigkeit oder immer wiederkehrende negative Gedanken bemerkbar machen. Das sind für Ärzte Warnzeichen, die auf mögliche Risikofaktoren hinweisen können. Denn diese Koppelung von Missstimmung und negativen Gedanken führt oft zu schwerwiegenden Befindlichkeitsstörungen: Angst und Depression. Und die können entscheidende Faktoren sein bei der Chronifizierung von Rückenschmerzen.


Schmerzfühlen: Verhalten, Gefühle, Körperprozesse und Wahrnehmung bestimmen unser Schmerzempfinden.
Schmerzfühlen: Verhalten, Gefühle, Körperprozesse und Wahrnehmung bestimmen unser Schmerzempfinden.

Gibt es Schmerzzustände, bei denen alles «nur psychisch» ist?
Diese Frage kann bei chronischen Schmerzen auftauchen, also wenn Schmerzen über drei Monate anhalten und wir dafür keine sogenannte körperliche Ursache finden. Aber ich glaube nicht, dass wir von rein psychisch verursachten Schmerzen sprechen können – also nur von Schmerz «oben im Kopf». Denn die Einflüsse von Körper und Psyche machen sich oft gleichzeitig bemerkbar. Richtig ist jedoch: Es gibt «zentrale» Schmerzen, deren grösste Anteile im Gehirn lokalisiert sind – und nicht peripher, an den äusseren Gliedmassen. Aber alles, was zentral abläuft, führt zu körperlichen Veränderungen. Sie sind zwar nicht auf dem Röntgen- oder im Blutbild sichtbar, aber solche Schmerzen können sich sehr wohl als ständige muskuläre Spannungen ausdrücken.


Und wie erklären Sie das dem Patienten?
Manche Patienten sorgen sich und fragen: «Gälled Si, ich bi nid psychisch?» Wir zeigen ihnen dann anhand praktischer Beispiele, wie Körperliches und Seelisches zusammenspielt – und wir versuchen im Gespräch gemeinsam herauszufinden, welche Gefühle und Gedanken ihren Schmerz begleiten. Ganz wichtig: Wir trainieren mit ihnen die Fähigkeit, mit Gedanken den Schmerz zu hemmen. Das ist möglich! Die vom Gehirn zum Rückenmark absteigenden Nervenbahnen können durch gedankliche Signale die Nervenzellen im Hinterhorn des Rückenmarks beeinflussen. Wir können dort gewissermassen die Tür gegen Schmerzen schliessen.


Wie wirken solche Gedanken?
Der Patient muss fähig werden, sich selber mit Fragen an eine Lösung heranzuführen. Fühlt er Schmerzen, kann er beobachten, wie er sich schont, Angst empfindet, sich verkrampft? Dank einer bewussten Selbstbeobachtung kann ein Schmerzpatient Gegensteuer geben, sich zum Beispiel weniger schonen. Nehmen negative Gedanken überhand, kann er sich entspannen und lernen, solche Gedanken zu stoppen.


Und wie wollen Sie verhindern, dass ein Schmerz chronisch wird?
Wir sollten die Risikofaktoren erkennen. Ein sehr wichtiges Signal ist, wenn jemand aufhört, sich zu bewegen. Vielleicht arbeitet ein Mensch in einem Umfeld, das ihm Mühe bereitet. Beim Auftauchen eines Schmerzes bleibt er dann der Arbeit leichten Herzens fern.


Welche Rolle spielen familiäre Probleme?
Schmerz kann tatsächlich die Funktion übernehmen, von einem familiären Problem abzulenken. Darum müssen wir unbedingt klären, wie ein Patient mit Problemen in seinem psychosozialen Umfeld umgeht. Auf die Frage des Hausarztes nach seinem Wohlergehen antwortet ein Schmerzpatient vielleicht, er habe Angst, ein Kollege habe ebenfalls Rückenschmerzen und erhalte jetzt eine IV-Rente. Für den Arzt ist das ein Signal für Katastrophen-Gedanken. In diesem Moment sollten weitere Spezialisten, etwa Physiotherapeuten, Psychiater und Psychologen beigezogen werden. Sie können den Patienten zurück in die Bewegung und die Aktivität führen und an den negativen Gedanken und anderen psychosozialen Problemzonen arbeiten.


Was sind Ihre persönlichen Erfolgserlebnisse?
Ich finde es spannend und wichtig, die Schmerzgeschichte von betroffenen Menschen zu erfahren. Zusammen mit dem Patienten finden wir Verbindungen zwischen Schmerz und anderen Faktoren. Das hilft uns, einen neuen Umgang mit Schmerzen zu erlernen! Der Patient hat zum Beispiel noch nie bewusst Entspannung ausgeübt oder überhaupt je die Bedeutung von Entspannung erfahren. Ganz eindrücklich ist auch, wenn sich Patienten aus einer sozialen Isolation heraus in ein aktives und erfülltes Leben hinein bewegen können.


* Roberto Brioschi ist als Klinischer Psychologe FSP an der RehaClinic Zurzach tätig.
 
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