Eine falsche Bewegung und schon hat man sich einen Hexenschuss eingefangen. Tipps der Suva für den Alltag: Hilf Dir selbst und der Rücken bleibt stark! VON MAURIZIO TRIPPOLINI *
Als Max B. aus der Badewanne stieg, verspürte er im Kreuz ein starkes Ziehen, als hätte ihn jemand kräftig gepackt. Nur mit Mühe gelang es ihm, aus der Wanne zu steigen, um sich mit gebücktem Gang auf die nächste Couch zu legen. Er konnte es kaum fassen, dass eine banale alltägliche Bewegung solche Beschwerden auslösen konnte. Als Lagerist in einem Verteilzentrum und passionierter Velofahrer war er sich körperliche Höchstleistungen gewohnt. Was war geschehen?
Bis 80 Prozent der Bevölkerung werden irgendwann im Leben durch Rückenschmerzen ausser Gefecht gesetzt. Laut einer Befragung des Bundesamtes für Statistik leiden 42 Prozent der Schweizer an Rückenschmerzen. Eine in der EU durchgeführte Studie zeigt, dass über 30 Prozent der Erwerbstätigen über Rückenschmerzen klagt.
Max B. kannte das hinterhältige, aufsässige Brennen nicht: Er konnte sich nur langsam bewegen und sich kaum mehr aufrichten. Er war zunehmend beunruhigt und machte sich Sorgen, ob etwas verletzt sei. War es jene Bewegung oder hatte er seine Rückenmuskulatur vernachlässigt?
Häufig ist die Ursache und die Entstehung solcher Beschwerden nicht eindeutig erklärbar. Darauf deuten auch die unzähligen unklaren Begriffe wie Lumbago, Hexenschuss, Rückenzerrung etc. hin. Entgegen der weit verbreiteten Meinung, dass schwere Arbeit gezwungenermassen Rückenschmerzen auslösen, lässt sich dies wissenschaftlich nicht abschliessend nachweisen. Hingegen gilt es bei der Abklärung von Rückenschmerzen berufsbedingte Belastungen – wie beispielsweise das Heben von schweren Lasten oder ungünstige Körperstellungen – zu berücksichtigen. Eine entscheidende Rolle spielen individuelle Faktoren wie das Alter, Arbeitszufriedenheit, Unterstützung durch Vorgesetzte, soziale Integration etc. Es ist selten möglich, eine einzelne Ursache herauszukristallisieren.
Ist etwas gezerrt, verrenkt, sonstwie lädiert? Max B. hatte nach längerem Suchen eine schmerzlindernde Rumpfstellung gefunden und seine Frau machte ihm einen warmen Wickel. Obwohl es ihm bereits etwas besser ging, rief er zur Sicherheit das von seinem Versicherungsfachmann empfohlene Ärzte-Infozentrum an. Erstaunt beantwortete er die gestellten Fragen: Haben Sie Mühe beim Wasserlassen? Spüren Sie Ihre Beine? Haben Sie ein Trauma erlitten...? Ihm wurde versichert, dass es sich um vorübergehende Rückenbeschwerden handle. Doch was hatte ihm der Arzt empfohlen?
Bei akuten Rückenschmerzen gilt es vor allem die wichtigsten Warnzeichen zu erkennen. Wobei einzelne Zeichen nicht zwingend auf eine spezifische Krankheit hindeuten. Hingegen erhöht sich allenfalls die Wahrscheinlichkeit eines ernst zu nehmenden Problems, das zusätzliche Abklärungen benötigt.
Die angemessene Aufklärung und Information wird heute als wichtiger Bestandteil der Erstbehandlung von unspezifischen Rückenschmerzen betrachtet. Es geht vor allem darum, dem Patienten die Ängste zu nehmen und ihn zur sukzessiven Bewegungssteigerung zu motivieren. Gemäss den europäischen Richtlinien für akute Rückenbeschwerden empfiehlt es sich, innerhalb weniger Tage die Alltagsaktivitäten einschliesslich der bisherigen Arbeitstätigkeit wieder aufzunehmen. Medikamente wie zum Beispiel Paracetamol oder non-steroidale Antirheumatika können dies vor allem am Anfang unterstützen. Das Wichtigste ist, nicht abzuwarten, bis die Schmerzen ganz verschwunden sind.
Der Vorgesetzte von Max B. reagierte nicht besonders erfreut über die Tatsache, dass einer seiner zuverlässigsten Mitarbeiter krankheitshalber ausfällt. Er bot ihm an, sobald es ihm besser ginge, zumindest in der Disposition leichten Arbeiten nachgehen zu können. Dort konnte er abwechselnd stehen oder sitzen.
Die nächsten Tage half sich Max B. mit schmerzlindernden Cremes, Wärmepackungen und leichten Übungen. Im nahen Schwimmbad stellte er mit Erstaunen fest, das ihm Rückenschwimmen gut tut. Mit Hilfe der empfohlenen Schmerzmedikamente versuchte Max B. alle Alltagsbewegungen soweit wie möglich auszuführen. Dass die Schmerzen wohl bald vorbei gehen würden und dass sein Arbeitgeber sich flexibel gezeigt hatte, führten dazu, dass sich Max B. inzwischen deutlich beruhigter fühlte. Er hatte die Situation zumindest teilweise wieder unter Kontrolle.
Die frühzeitige Wiederaufnahme der Arbeit ist bei gutartigen Rückenbeschwerden eine der wichtigsten «therapeutischen» Massnahmen. So zeigen Studien einhellig: Geht jemand wegen gutartiger Rückenbeschwerden nicht der Arbeit nach, steigt sein Risiko, nie mehr zu arbeiten, rasch an. Nach einem halben Jahr Arbeitsunfähigkeit werden gerade 50 Prozent die Arbeit wieder aufnehmen. Die Gefahr, nie mehr im Berufsleben Fuss zu fassen, steigt im ersten Jahr nach Beschwerdebeginn rasant an. Idealerweise wird mit einem erleichterten Einstieg begonnen, um dann innerhalb einiger Wochen wieder die ursprüngliche Arbeitsleistung zu erreichen.
Der Rückfall: Am vierten Tag war Max B. beruhigt, da er die Arbeit zumindest teilweise aufnehmen durfte. Zwar musste er seine Rückenposition ständig ändern, weil sonst die Schmerzen unweigerlich zunahmen. Der erste Arbeitstag war aber trotzdem ein Erfolg: Max B. schlief müde aber fast schmerzfrei ein. In den folgenden Wochen steigerte er seine Arbeitsbelastung ständig. Er steuerte seinen Gabelstapler, hob bereits Lasten bis 10 Kilo und sass zuweilen bereits über 20 Minuten am Stück. Nach drei Wochen spürte er sein Kreuz nur noch in stark vorgebeugter Position.
Als Max B. beim Umdrehen während dem Angurten ein starkes Stechen verspürte, machte sich ein Anflug von Panik und Verzweiflung breit. Fühlte sich so ein Rückfall an? Würde er die zurückgekehrten Beschwerden meistern?
Rückenbeschwerden klingen meist rasch ab, jedoch ist die Wahrscheinlichkeit gross, dass diese gelegentlich wieder auftreten. Es ist kein Geheimnis, dass Patienten, die einfachste Selbstbehandlungstechniken beherrschen, sich deutlich gesünder fühlen und weniger häufig zum Arzt gehen. Wichtig ist dabei, dass man sich nicht von den wiederkehrenden Beschwerden entmutigen lässt. Zudem konnten diverse Untersuchungen nachweisen, dass eine gutes soziales Umfeld wie beispielsweise das eines verständnisvollen Arbeitgebers, sich positiv auf die Dauer der Beschwerden auswirkt.
Max B. übernimmt das Ruder. Er war überglücklich, dass er abends die Beschwerden mit seinen vertrauten «Behandlungstricks» wieder in den Griff bekam. Obwohl nicht ganz schmerzfrei, ging er am nächsten Tag seiner Arbeit nach. Auch diesmal zeigte sich sein Chef grosszügig, da Max B. beim letzten Mal nur wenige Tage fehlte. Er selbst kannte Rückenschmerzen aus eigener Erfahrung. Er wusste, dass es wichtig war trotz Beschwerden möglichst normal durchs Leben zu gehen, da man im Leben bekanntlich nur auf einen Rücken zählen kann.
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| Arbeiten trotz Beschwerden |
Je nach Situation ist der eine oder andere dieser Tipps für Sie geeignet. Probieren geht über studieren! - Tätigkeit häufig unterbrechen.
- Arbeitstempo anpassen.
- Häufige kurze oder wenige längere Pausen einschalten.
- Einrichtungen bei der Arbeit oder im Haushalt optimieren, z.B. die Arbeitshöhe so anpassen, dass Sie sich nicht permanent nach vorne neigen müssen, oder die Position des PC-Monitors anpassen.
- Geeignete Hilfsmittel einsetzen, z.B. Sitz- oder Stützkissen im Kreuz.
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* Maurizio Trippolini ist Rehabilitationsleiter an der Rehaklinik Bellikon der Suva