Rückenschmerzen
Rückenschmerzen
Ischias, Hexenschuss, Bandscheibenvorfall, Wirbelbruch bei Osteoporose: Plötzlich auftretende Rückenschmerzen haben so viele Namen wie Ursachen. Prof. Dieter Grob* sagt, wo sich quälende Schmerzquellen verstecken können.


VON CARL J. WIGET

Stephan Schlegel wollte während eines Zivilschutz-Einsatzes eine metallene Abschrankung beiseite räumen. Er drehte sich leicht nach rechts, verspürte einen Schmerz, zu Beginn harmlos wie ein Wespenstich. Am folgenden Tag aber wurde es schlimm, der damals 42-Jährige konnte sich kaum noch bücken und aufrichten. Die Zehen des linken Fusses fühlten sich taub an, der Hausarzt vermutete zu Recht einen Bandscheibenvorfall: Ein Teil der beschädigten Bandscheibe drückte gegen einen Rückenmarknerv, es entstand eine schmerzhafte Entzündung.

Oft löst eine solche ungewohnte Bewegung den akut einschiessenden Rückenschmerz aus – manchmal mit brutaler Wucht. Die Schmerzen haben verschiedene Namen: Arthrose, Nackenschmerzen, Hexenschuss, Bandscheibenvorfall (Diskushernie) oder ein Wirbeleinbruch bei der Knochenschwund-Krankheit Osteoporose. Viele dieser Rückenschmerzen klingen nach einer Weile ab. So auch der Hexenschuss, der Patienten oft dazu zwingt, sich zu verkrümmen. Der plötzliche, massiv ins Kreuz schiessende Schmerz strahlt im Gegensatz zu vielen Rückenschmerzen nicht in andere Körperbereiche aus.


1
Wirbelbruch bei Osteoporose
Wegen des Knochenschwunds sind die Wirbel anfälliger für Brüche. In Extremfällen kann ein Bruch sogar ohne Sturz eintreten, in dem ein Wirbel in sich zusammensinkt (sintert). Sichtbare Veränderungen im Röntgenbild und manchmal starke Schmerzen sind die Folge. Charakteristisches Beispiel dafür ist der «Witwenbuckel», der sich speziell bei älteren Frauen zeigt.


2
Bandscheibenvorfall
Plötzliche oder langsam zunehmende Verlagerung des Bandscheiben-Gallertkerns nach hinten in den Rückenmarkskanal oder nach hinten seitlich zur Nervenwurzel. Der dadurch verursachte Druck kann zu Schmerzen, Lähmungen und/oder Gefühlsstörungen führen.


3
Hexenschuss

Der volkstümliche Begriff entspricht keiner medizinischen Diagnose im eigentlichen Sinn. Man versteht darunter den plötzlichen, heftigen, zur Bewegungsunfähigkeit führenden Rückenschmerz der Lendenwirbelsäule.


4
Ischiasbeschwerden
Der Ischiasnerv (Nervus ischiadicus) ist der längste und dickste Nervenstrang des Körpers und ein Hauptnerv der Beine. Ischiasbeschwerden sind medizinisch nicht genau definiert. Der Begriff «Ischiasbeschwerden» beschreibt ein leichtes Ziehen hinten am Oberschenkel, aber auch einen starken Schmerz im Nervenverlauf. Mögliche Ursachen: Bandscheibenvorwölbung, Bandscheibenvorfall, Wirbelgleiten oder Spinalkanalstenose.
 
Plötzlich starke Rückenschmerzen? Ein Besuch beim Hausarzt ist ratsam. Kleine diagnostische und schmerzlindernde Massnahmen genügen in den ersten drei Wochen.

«Man kann im Gespräch mit dem Patienten zwar von Hexenschuss sprechen, aber medizinisch ist der Begriff nicht sehr sinnvoll», sagt Prof. Dieter Grob. Der Wirbelsäulenspezialist an der Schulthess Klinik in Zürich möchte «lieber wissen, wo die Schmerzursache genau liegt – am häufigsten handelt es sich um eine Segmentblockierung: Einzelne kleine Wirbelgelenke, die so genannten Facetten, verhaken sich ineinander.» Möglich seien aber auch eine Anomalie von Gelenkstellungen, die mechanisch nicht mehr richtig funktionieren, oder Zustände nach Entzündungen, Brüchen oder Verletzungen.


Rechtzeitig zum Arzt - und keine falsche Scheu vor Schmerzmitteln

«Bei starken Rückenschmerzen soll man zum Arzt gehen – was nicht heisst, dass sofort alle Diagnoseapparaturen genutzt werden sollen», empfiehlt der Chefarzt Wirbelsäulen- und Rückenmarkschirurgie. In den ersten drei Wochen genügen schmerzlindernde Massnahmen. Auch gelte es zu überprüfen, ob keine Nervenausfälle auftreten. Bettruhe sei nur nötig, wenn sich der Patient nicht mehr bewegen kann. Sonst sollte man so schnell wie möglich aktiv sein, zum Beispiel wieder arbeiten oder zumindest spazieren oder im Hallenbad schwimmen – am besten kombiniert mit einer Schmerzmitteltherapie, vielleicht auch mit Auflegen von warmen oder kalten Wickeln. Keinesfalls aber ist es eine Lösung, untätig zu Hause zu sitzen!

Zivilschützer Stephan Schlegel gerät nicht so schnell aus der Ruhe. Aber als die Nachwehen seines Einsatzes nicht verschwinden wollten, war für ihn klar: «Jetzt muss auf Biegen und Brechen der Schmerz attackiert werden – mit einem Schmerzmedikament.» Die Entzündung wurde dadurch zwar gestoppt, aber die Beschwerden plagten ihn noch weitere drei Monate lang.

Angst vor «Chemie» hält Chefarzt Grob für fehl am Platz, wenn der Schmerz im Rücken stechend wird. «Dann sollten wir entschieden eingreifen, um den Schmerz zu lindern. Schmerzmedikamente lösen Muskelblockaden – Beispiel Hexenschuss – und durchbrechen damit einen Teufelskreis, der die Schmerzen verlängern würde.»


Schmerzquellen sind oft gut versteckt

Die anatomische Karte des Rückens ist zwar längst gezeichnet, doch die Schmerzquellen sind oft gut versteckt. «Nur ein Drittel aller akuten Rückenschmerzen lässt sich klar einordnen», schätzt Wirbelsäulenspezialist Grob.
  • Folgt man diesen Pfaden von den obersten Wirbeln bis zum Kreuzbein, kommt man als erstes zum Problemgebiet Halswirbelsäule. Hier macht sich oft die Arthrose bemerkbar, die als Verschleisskrankheit gilt: Sie baut Gelenkknorpel der kleinen Wirbelgelenke ab und kann die Knochen schädigen. Häufig kommt es hier auch zum Bandscheibenvorfall. Nackenverspannungen sind das Gegenstück zu den Muskelverspannungen beim Hexenschuss im Kreuz.
  • Im mittleren Bereich – der Brustwirbelsäule – verhaken sich oft die kleinen Rippengelenke ineinander. «Man hat das Gefühl, kaum atmen zu können, was auch zu Verwechslungen mit dem Herzinfarkt führen kann – falls sich die Atemnot auf der linken Seite bemerkbar macht.» Hier kommt die Physiotherapie zum Zug. Seltener sind in diesem Bereich Bandscheibenvorfälle; im Gegensatz zur Kreuzregion strahlen die Schmerzen kaum aus. Aber da Teile der geplatzten Bandscheibe auf das Rückenmark drücken können, sind Lähmungen möglich.
  • Zum Krisengebiet zählt häufig auch das Kreuz: Hexenschuss, Bandscheibenvorfälle oder Ischiasbeschwerden können sich hier zur quälenden Pein entwickeln. Gründe des Ischiasschmerzes, der in die Beine ausstrahlt, sind entweder eingeklemmte Nerven oder eine Verhakung der kleinen Wirbelgelenke ähnlich wie bei Hexenschuss, wobei oft noch die Knochenhaut gereizt wird.
«Falls sich die akuten Schmerzen nach drei Wochen nicht gelegt haben, sollte man den zweiten Gang einlegen – das heisst ein Röntgenbild machen, eine professionelle Physiotherapie beginnen und beobachten, ob es besser wird», rät Chefarzt Grob. «Tritt auch nach zwei Monaten immer noch keine Besserung ein, ist es an der Zeit, Spezialisten beizuziehen und ein Magnetresonanztomogramm zu erstellen.» Das sei die «höchste Stufe der Abklärung».


Operieren erst bei glasklarer Ursache

Von Operation will der erfahrene Wirbelsäulenchirurg Grob nicht vorschnell sprechen. «Legt man Menschen über 50 in einen Magnetresonanztomografen, zeigen sich praktisch bei allen schwarze Bandscheiben. Die Farbe Schwarz bedeutet, dass die Bandscheiben wenig Wasser enthalten. Kommen zu diesem Befund noch akute Rückenschmerzen, wird oft gleich operiert», stellt der erfahrene Chirurg fest.

Operieren will Prof. Grob darum in der Regel erst, wenn grösstmögliche Sicherheit über die Krankheitsursache besteht. Und auch die Meinung des Patienten zähle viel.

Bandscheibenpatient Stephan Schlegel hatte Glück, sein Problem musste nicht operiert werden. «Ich bin froh, dass ich nach der Schmerztherapie mit einem speziellen Krafttraining begonnen habe und mich mehr bewege.» Heute spürt er keine Schmerzen mehr. Und denkt sogar daran, wie in früheren Zeiten wieder einmal Fallschirm zu springen.


* Prof. Dieter Grob ist Chefarzt Wirbelsäulenzentrum der Schulthessklinik, Zürich
 
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