Rot, Orange, Blau, Grün oder lieber Gelb? Irmgard Allemann hat die Qual der Wahl. Schliesslich entscheidet sie sich für die orange Brille. «Diese Farbe gefällt mir am besten, Türkis am wenigsten.» Weshalb dies so ist, kann die 64-Jährige nicht erklären.
«Jeder Mensch hat seinen individuellen Farbenhaushalt», weiss Karin Kuhn, 53. «Vorlieben und Abneigungen können im Verlauf des Lebens immer wieder wechseln.» Mit dem Brillentest versucht sie zu Beginn der Behandlung, Aufschluss über die Persönlichkeit und die Gemütsverfassung ihrer Patienten zu erhalten. «Wählt jemand eine warme Farbe wie Orange, heisst dies für mich unter anderem, dass er Energie und Kraft benötigt.» Die Therapeutin ist überzeugt, dass Farben auf unsere Stimmung mehr Einfluss haben, als uns bewusst ist, auch wenn der wissenschaftliche Nachweis von Farbwirkungen auf die Psyche der Forschung bis heute nicht gelungen ist. «Ein Choleriker kann in Rage geraten, wenn er Rot sieht, Depressiven hilft Gelb oder Orange, Gestressten Blau.» Und wer mit übermüdeten Augen zu lange am Computer gesessen ist, dem empfiehlt sie Grün. Irmgard Allemann leidet seit Jahren unter extremem Harndrang. Blau soll ihre überaktive Blase beruhigen. «In der Farbtherapie wird dieser Farbe eine entzündungshemmende, antibakterielle, abschwellende und schmerzlindernde Wirkung nachgesagt.» Karin Kuhn schiebt einen blauen Filter vor die Farblampe und lässt das Licht acht Minuten auf den Bauch ihrer Patientin einwirken. «Licht und Farben können die Heilprozesse anregen und das Immunsystem stärken», erklärt sie. Dies vermuteten schon die alten Ägypter. Sie bauten Tempel mit farbigen Räumen. Kranke mussten darin ein Farbbad nehmen. Auch die Traditionelle Chinesische Medizin beruft sich auf die Heilwirkung der Farben. Darmkranke strich man früher in China mit gelber Paste ein, Epileptikern hängte man violette Vorhänge ins Zimmer, Scharlachkranken rote.
Dass Farben auf unseren Organismus einen grossen Einfluss haben, bewies als Erster der Farbpionier Niels Ryberg Finsen Ende des 19. Jahrhunderts. Er setzte Blinde in einen blau gestrichenen Raum und überwachte ihre Körpertemperatur. Nach einer Weile begann sie zu sinken. Anders erging es jenen, die er in rote Zimmer brachte: Ihre Körpertemperatur stieg an.
1903 erhielt der Däne für die Erfindung seiner Finsenlampe zur Behandlung von Hauttuberkulose den Nobelpreis in Medizin. Inzwischen weiss man, dass dieser Effekt darauf zurückzuführen ist, dass die Farbe Rot das Licht langwelliger reflektiert und so Wärme erzeugt. Denn Farben gehorchen physikalischen Gesetzmässigkeiten: Wenn Licht – genau genommen elektromagnetische Strahlung – auf unsere Haut trifft, reagiert unser Organismus darauf. Im Bereich von rund 380 bis 780 Nanometer Wellenlänge nehmen wir diese Strahlung als Farben wahr, wobei jede Wellenlänge einer Farbe des Regenbogens entspricht. Darunter ist der Ultraviolett-, darüber der Infrarotbereich. Im weissen Licht sind alle Farben enthalten. Erkenntnisse aus der Neurobiologie zeigen, dass bestimmte Areale des Gehirns auf gewisse Farben ansprechen. Dies macht sich auch der Zuger Farbdesigner Martin Tanner, 53, zunutze. «Das Wissen, wie Farben organische Funktionen des Menschen wie Stoffwechsel oder Hormonhaushalt beeinflussen, hilft mir, Farben bei der Innengestaltung zum Beispiel von Eigenheimen, Büroräumen oder Spitälern gezielter einzusetzen.» So machte er bei Altersheimen die Erfahrung, dass gewisse Farben als Orientierungshilfe das Sturzrisiko mindern, die Bewohner aktiver halten und optimistischer stimmen. «Dies senkt längerfristig auch den Medikamentenkonsum und die Gesundheitskosten», ist er überzeugt. In der Schulmedizin ist der Einsatz von Lichtbestrahlungen nicht mehr wegzudenken. Frühgeborene kommen unter die rote Wärmelampe. Für Patienten mit Schuppenflechte gehört ultraviolettes Licht zur Standardtherapie. UV-Licht mit etwas unter 380 Nanometern Wellenlänge setzt man auch zur Desinfektion ein, weil es Bakterien abtötet. Gegen Vitamin-D-Mangel im Winter verordnen Ärzte Therapien mit ultraviolettem Licht im Wellenbereich zwischen 280 und 320 Nanometern, weil nur dieses unsere Haut dazu bringen kann, das lebenswichtige Vitamin zu bilden. Blaues Licht hilft, den Biorhythmus bei Schlafproblemen wieder in den Griff zu bekommen.
Die Augenheilkunde ihrerseits macht sich die Farbe Gelb zunutze: Bei Grauem Star kann die trübe Linse durch eine gelb getönte Kunstlinse ersetzt werden. Diese filtert den Blauanteil des Lichts heraus, der sonst die Netzhaut schädigen kann. «Gerade weil Farben einerseits über die Augen, andererseits über die Haut wirken, sind sie für mich so faszinierend», sagt Karin Kuhn. Die gelernte Arztgehilfin und ehemalige Pharma-Produktmanagerin im Bereich Urogynäkologie kam vor rund zehn Jahren zur Farbtherapie. «Ich wusste sofort, das ist es.» | |  Farbtest: Irmgard Allemann probiert aus, welche Farbe ihr zusagt. Das gibt der Therapeutin Hinweise auf die Verfassung der Patientin.  Rot ist die wärmste Farbe mit der grössten Reizwirkung. Sie ist anregend und vitalisierend, fördert die Durchblutung, aktiviert Energiereserven bei Erschöpfung, stärkt das Immunsystem.  Orange steht in der Farbtherapie für Lebensfreude, wirkt stimmungsaufhellend, anregend (Appetit, Drüsen), fördert die Gewebebildung, hilft bei Muskelverspannungen.  Gelb gilt als die Farbe der Leichtigkeit. Sie macht fröhlich, stärkt Nerven, fördert die Konzentration. Therapeuten setzen sie unter anderem bei Depression, Magen- und Darmproblemen ein.  Grün ist die Farbe der Balance, gleicht aus, beruhigt, unterstützt die Regeneration nach Krankheiten. Man setzt sie bei Wundheilung, Verspannungen, Kopfschmerzen, nervöser Unruhe ein. Blau ist die kühlste, beruhigendste Farbe, wirkt abschwellend, schmerzlindernd. Farbtherapeuten verwenden sie bei Fieber, Schmerzen, Hautkrankheiten, Entzündungen, Schlafstörungen.  Violett soll auf das Unterbewusstsein wirken, vereint Gegensätze (rot/blau). Verwendung bei Kreislaufstörungen, Stress, Nervensystem, unspezifischen Schmerzen, Stoffwechselregulierung. |