Blasenschwäche
Blasenschwäche
Wasserlassen ist normal. Jeder muss es tun. Ein halbe Million Schweizer haben allerdings ständig einen quälenden Harndrang. Sie leiden an einer Reizblase und haben Angst, darüber zu sprechen.


Von Annegret Czernotta

Angst regt die Blase an. Angst, sich vielleicht beim nächsten Drang «in die Hose zu machen». Angst, dass andere einen Uringeruch wahrnehmen und Abstand nehmen. Rund 530’000 Menschen leiden in der Schweiz an einer Reizblase – Frauen und Männer gleichermassen.


Die Reizblase, auch hyperaktive Blase genannt,
ist anstrengend, sie macht den Betroffenen das Leben schwer. Trotzdem melden sich nur wenige von ihnen beim Arzt – oder erst nach jahrelanger Pein. Warum bloss dieses Zögern? «Befragungen zeigen, dass die Blase nach dem Genital das peinlichste Thema überhaupt für einen Menschen ist», erklärt Dr. Annette Kuhn, Leiterin der Uro-Gynäkologie am Inselspital Bern. «Beim Säugling können wir es noch akzeptieren, dass die Blase nicht kontrolliert werden kann, beim Erwachsenen trifft das nicht mehr zu. Deshalb wird über das Thema nicht gesprochen.»

Kommen die Patientinnen endlich zu ihr in die Praxis, ist die Mehrheit in einem Teufelskreis gefangen, dem sie ohne Hilfe nicht mehr entkommt: Die Blase bestimmt bereits das ganze Leben. Am Inselspital in Bern sucht Dr. Kuhn nach dem Grund für die Reizblase. Denn die Ursachen sind mannigfaltig. Verkrampft sich die Blasenmuskulatur plötzlich, entsteht der Harndrang. Auslösend wirken Muskeln und Nerven, welche die Füllung der Blase nicht korrekt ans Gehirn weiterleiten. Manchmal wird der Blasenreflex bereits in der Kindheit falsch antrainiert.

Oder es entwickelt sich eine Reizblase aus falscher Gewohnheit: Zu oft wird die Blase bei geringstem Druck geleert und das Füllvolumen sinkt und sinkt. Kleinste Urinmengen verursachen dann einen starken Harndrang. Auch organische Ursachen wie eine Multiple Sklerose, Tumoren oder Blasensteine sind möglich. Neben einem Ultraschall und der Blasenspiegelung (Zystoskopie) braucht es dann manchmal eine Funktionsmessung der Blase, die Auskunft gibt über die Druckverhältnisse in der Blase und deren Speichervolumen.


Bei Esther W.* drückt der Scheidenstumpf auf die Blase. Den hat sie, seitdem vor einigen Jahren die Gebärmutter entfernt wurde. Neben einem ständigen Fremdkörpergefühl im Genitalbereich kann sie auf der Toilette nur sehr schlecht Wasser lösen. In der Blasensprechstunde erklärt ihr die Pflegefachfrau Annette Frey, dass Dr. Kuhn ein Pessar verordnet hat. «Das Pessar drückt den Vaginalstumpf wieder nach oben, sodass die Blase nicht mehr gedrückt und gereizt wird», klärt sie Esther W. auf. Das Pessar sieht aus wie ein Würfel und wird wie ein Tampon in die Vagina eingeführt. Bei vielen Frauen sind die Blasenreizungen dann weg – auch bei Esther W.

Aber nicht immer lässt sich die Ursache so einfach beheben. «Als Standard verordnen wir bei der Reizblase Medikamente, die die Blasenmuskulatur beruhigen, und Blasentraining», erklärt Dr. Kuhn. Über einen Zeitraum von drei Monaten lernen die Betroffenen, ihre Blase immer später zu entleeren, bis ein Blasenvolumen von rund 2,5 dl erreicht wird. Was sich einfach anhört, ist äusserst schwierig.

«Viele Frauen gehen wegen der Reizblase kaum aus dem Haus», sagt Annette Frey. «Beim Blasentraining lernen sie, ihr Leben zu kontrollieren und sich nicht der eigenen Blase unterzuordnen. Das braucht viel Selbstdisziplin und Ausdauer.» Wer es trotz intensivem Blasentraining und Medikamenten nicht schafft, bekommt gelegentlich Botox unter den Blasenmuskel gespritzt. «Das ist ein Nervengift, das die Blasenmuskulatur über sechs Monate entspannt und wiederholt eingesetzt werden kann», so Annette Kuhn.


In der Urologie am Zürcher Universitätsspital behandelt Dr. Sharmistha Guggenbühl-Roy schwere Reizblase-Patienten ebenfalls mit Botox. Mit einem kleinen Unterschied: Sie ist Urologin und behandelt auch Männer. «Bei diesen entwickelt sich die Reizblase oft durch eine vergrösserte Prostata», erklärt sie. «Aber auch bei Männern finden wir häufig keinen organischen Grund.» Bei «hoffnungslosen» Fällen setzen die Urologen seit einem Jahr bei Frauen und Männern einen Blasenschrittmacher ein. Bei dieser Behandlung werden die Nerven, welche die Blase versorgen, durch elektrische Impulse stimuliert.

Damit es diese eingreifende Therapie nicht braucht, empfiehlt Dr. Roy Männern über 50 eine regelmässige Kontrolle beim Urologen: «Dadurch erkennen wir Veränderungen früher und können Beschwerden einfacher behandeln.» Annette Frey hingegen liegt es am Herzen, dass sich Frauen mit einer Reizblase nicht stressen. «Frauen sollen dem ersten Drang nicht sofort nachgeben. Das ist schwer, aber es hilft.»

Die Anatomie der Frau

Blasentraining und Medikamente

Blasenmedikamente wie «Detrusitol», «Emselex», «Vesicare» usw. wirken erschlaffend auf den Blasenmuskel, deshalb werden sie bei einer Reizblase verordnet. Genauso wichtig ist das Blasentraining. Zögern Sie den Toilettengang in der ersten Trainingswoche um eine Minute hinaus, in der zweiten Woche um zwei Minuten und so fort. Acht Entleerungen pro Tag sollten reichen, ausser wenn Sie übermässig viel trinken (mehr als 3 Liter am Tag).


Beckenbodentraining

Spannen Sie den Beckenboden am Ende des Wasserlösens an. Das entspannt und beruhigt die Blase. Auch die Elektrotherapie stärkt die Blasenmuskulatur. Eine Elektrode wird von einer Physiotherapeutin in die Scheide eingeführt. Der Impuls setzt sich bis zur Blase fort.


Botox

Das Nervengift wirkt auf die Nerven im Blasenmuskel und entspannt diesen. Die Wirkung setzt rund 14 Tage nach der Behandlung ein und hält rund sechs Monate an. Dann ist eine erneute Behandlung notwendig. Nur geeignet bei ausgewählten Patienten, die auf andere Therapien nicht ansprechen.


Tricks zur Blasenberuhigung
  • Achten Sie auf eine regelmässige Darmentleerung. Der volle Darm drückt zusätzlich auf die Blase und löst einen Harndrang aus.
  • Trinken Sie 1 bis 2 Liter Wasser täglich. Zu stark konzentrierter Urin reizt die Blase.
  • Verzichten Sie auf Kaffee, Cola, Schwarztee oder Alkohol - die Substanzen reizen. Trinken Sie stattdessen Wasser oder 1 dl Preiselbeersaft täglich.
  • Angst aktiviert die Blase. Haben Sie grosse Angst vor Urinverlust und infolgedessen vor peinlichen Situationen, dann tragen Sie zumindest eine gute Inkontinenzbinde, die Ihnen ein Gefühl der Sicherheit bei Urinverlust vermittelt.
  • Sprechen Sie zu Ihrer Blase im beruhigenden Ton, aber stellen Sie die Blase nicht ins Zentrum all Ihrer Gedanken. Erlernen Sie eine Entspannungstechnik.


Die Anatomie des Mannes
Reizblase beim Mann - die Therapien

Beim Mann löst meist die gutartig vergrösserte Vorsteherdrüse (Prostata) eine Reizblase aus. Wie bei der Frau lassen sich manchmal auch beim Mann keine Ursachen finden.


Reizblase bei gutartig vergrösserter Prostata
  • Bei geringen Beschwerden: Zuerst abwarten und beobachten.
  • Danach diätetische Massnahmen ergreifen, beispielsweise auf Reizstoffe wie Pfeffer verzichten. Bessert sich nichts: Medikamente mit pflanzlichen Extrakten oder Medikamente wie die so genannten Alphablocker vermindern die Blasenspannung.
  • Ist die Prostata kritisch gross und engt sie die Harnröhre oder Blase ein, ist eine kleine Prostata-Operation, die TUR-P (Transurethrale Resektion) notwendig, bei der das vergrösserte Prostatagewebe abgetragen wird.

Reizblase ohne organische Ursachen

Blasenmedikamente wie «Detrusitol», «Emselex», «Vesicare» usw. wirken auch beim Mann erschlaffend auf den Blasenmuskel. Genauso wichtig ist das Blasentraining. Helfen diese Massnahmen nicht, wird das Nervengift Botox unter den Blasenmuskel gespritzt.


Blasenschrittmacher

Der Blasenschrittmacher (sakrale Neuromodulation) ist eine neue Behandlungsform, wenn alle anderen Therapien versagen. Die Nerven, welche die Blase versorgen, werden durch elektrische Impulse beeinflusst. Der Blasenschrittmacher wird auch bei Frauen therapeutisch eingesetzt.


Tricks zur Blasenberuhigung
  • Für Männer gelten die gleichen Tricks wie bei der Frau, siehe oben.
  • Bei leicht vergrösserter Prostata können Kürbiskerne die Beschwerden lindern.
  • Sind Sie über 50 Jahre alt, empfiehlt sich eine Prostatavorsorgeuntersuchung. Je früher Vergrösserungen entdeckt werden, desto geringer die Beschwerden beim Wasserlassen.

(Quelle: Gesundheit Sprechstunde 06/2009)
 
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