Ein Bruchteil einer Sekunde kann darüber entscheiden, ob wir normal sehen oder die Welt nur noch als einen trüben Schleier wahrnehmen. Augenverletzungen sind gefährlich, und der Augenschutz ist noch immer mangelhaft. VON ANNEGRET CZERNOTTA
Fast alle zwei Minuten kommt in der Schweiz ein Auge zu Schaden. Meist geht es sehr schnell: Ein Palmenblatt, das beim Giessen die Hornhaut oberflächlich verletzt. Die Spitze eines Bohrers, die bei Arbeiten an der Werkbank abbricht und im Auge landet. Oder der Tennisball, den man nicht rechtzeitig sieht, weil gerade jemand von der Seite aufs Spielfeld ruft.
Augenverletzungen laufen immer nach dem gleichen Schema ab: Die Schutzbrille wurde gedankenlos abgelegt. Oder ein Moment der Unaufmerksamkeit reicht aus - und schon nimmt das Unheil seinen Lauf.
Jährlich ereignen sich gut 36’000 berufsbedingte und fast 13’000 Augenunfälle in Freizeit und Haushalt. Nicht immer enden Augenverletzungen in der Invalidität. Trotzdem wundert es bei diesen Zahlen niemanden, wenn die Suva alles daran setzt, dass weniger häufig Berufs- und Nichtberufsunfälle passieren und dass sie zum Tragen von Schutzbrillen in risikoreichen Berufen motiviert. Zu bedenken ist zudem, dass das aktuelle Verletzungsbild nur bedingten Aufschluss über die Prognose gibt. «Entscheidend ist das Verletzungsmuster», erklärt der Suva-Arzt Dr. Alfons Fässler. Auch bei Augenverletzungen, die auf den ersten Blick harmlos erscheinen, sollte ein Augenarzt aufgesucht werden. Jede Verletzung erhöht das Risiko für Entzündungen, weil über die Wunde auch Keime ins Auge gelangen.
Hornhautabschürfungen durch spitze Pflanzenblätter oder zurückschnellende Zweige sind häufig. Hier hilft nur Aufmerksamkeit.
Gummispanner: Meist entstehen schwere Augenverletzungen durch das zurückschnellende Metall. Spannvorrichtung nie zum Gesicht ziehen!
Verätzungen zählen zu den schwersten und folgenreichsten Augenverletzungen. Beim Hantieren mit gefährlichen Substanzen Schutzbrille aufsetzen!
Fremdkörper: Bei Metall- oder Holzarbeiten können Splitter abspringen und in der Horn- oder Lederhaut stecken bleiben. Deshalb immer eine Schutzbrille tragen!
Stumpfe Gewalteinwirkung: Es kann zu Verletzungen des gesamten Auges und zu einer Augeninnendruckerhöhung (Grüner Star) kommen.
Splitter, die beispielsweise aufgrund von Arbeiten an der Werkbank in der Hornhaut stecken bleiben, kann der Augenarzt zwar ohne grosse Mühe entfernen. Sind es allerdings Metallsplitter, ist Eile geboten: Bereits nach einer Stunde beginnt das Metall im Auge zu oxidieren, und das kann zu schweren Entzündungen führen. Allerdings hält der Suva-Augenarzt fest, dass sich in den letzen Jahren gerade im Berufsbereich einiges getan hat.
Broschüren und Motivationsvideos der Suva haben zum Tragen der Schutzbrille beigetragen, so dass zumindest die schweren Augenverletzungen zurückgegangen sind. «Die Betriebe setzen die Schutzvorschriften heute sehr gut um. Auch Spülvorrichtungen bei Verätzungen stehen mehrheitlich zur Verfügung», lobt er. Dafür gibt es noch immer viele leichte Augenunfälle während der Arbeitszeit und auch die Häufigkeit von Freizeitunfällen nimmt zu. Und die sind nicht auf die leichte Schulter zu nehmen.
Bei Kampfsportarten kann ein schwerer Faustschlag aufs Auge im Verlauf der Jahre zu einer Erhöhung des Augeninnendrucks führen, was die Gefahr für Grünen Star erhöht. Bei Stürzen mit Schädelverletzungen wiederum kann der Sehnerv durch Einblutungen im Bereich des Sehnervenkanals direkt beschädigt werden oder Augenmuskeln können eingeklemmt werden. Der Fingernagel eines Kleinkindes, das ins Auge greift, kann die Hornhaut des Auges oberflächlich verletzen. Und häufiger werden auch Verletzungen durch zurückschnellende Äste bei Gartenarbeiten – oder durch Squashbälle.
Dafür kommt es seltener zu so genannten Verblitzungen durch Sonnenlicht wie in den Bergen oder im Schnee. «Der Schutz durch Sonnenbrillen mit UV-Schutz hat sich in der Schweiz durchgesetzt», sagt Fässler. Die noch immer hohen Zahlen weisen aber auf weiteren Handlungsbedarf hin, hält Fässler fest. Deshalb gilt: Bei Arbeiten mit gefährlichen Stoffen eine geeignete Schutzbrille aufsetzen und aufmerksam arbeiten, egal ob in Freizeit oder im Beruf!
| Suva-Augenarzt Dr. Alfons Fässler rät: |
| 1 | Tragen Sie eine Schutzbrille bei Arbeiten mit Säuren, Laugen, bei Löt- und Schweissarbeiten, egal ob im Haushalt oder im Beruf.
Gelangen Fremdkörper oberflächlich ins Auge, diese vorsichtig mit einem sauberen Taschentuch entfernen.
Feststeckende Fremdkörper unbedingt im Auge belassen und sofort zum Arzt gehen. |
| 2 | Spülen Sie nach Unfällen mit verätzenden Lösungen unverzüglich mindestens 15 Minuten, egal ob mit Wasser, Limonade oder Milch. Das Auge muss während der Spülung geöffnet bleiben. |
| 3 | Seien Sie aufmerksam, beispielsweise beim Giessen von Pflanzen mit spitzen Blättern oder wenn die Skisaison beginnt und mit Skistöcken hantiert wird. |