Der Physiker Dr. Marino Menozzi von der ETH Zürich ist Spezialist für das Thema Sehen. Er forscht nicht nur über den Einfluss des Computers auf unser Sehvermögen, sondern auch über die Verträglichkeit von Gleitsichtbrillen. INTERVIEW: THOMAS VOGEL Thomas Vogel: Welcher Zusammenhang besteht zwischen der steigenden Zahl an Fehlsichtigen und dem immer stärker ansteigenden Computergebrauch?
Dr. Marino Menozzi: Es gibt keinen Zusammenhang. Es wird zwar immer wieder darüber spekuliert. Studien zeigten aber: Der Computer produziert keine Fehlsichtigkeiten. Er stellt aber grössere Anforderungen ans Auge, und Leute am Computer ermüden schneller. Deshalb fallen Fehlsichtigkeiten schneller auf. Hingegen fördert Computerarbeit trockene Augen. Das vor allem, weil wir am Bildschirm weniger blinzeln und die Augen weit offen haben.
Was ist ein idealer Bildschirm?
Der ideale Bildschirm ist so gross wie möglich und im Tisch leicht liegend versenkt, sodass der Benutzer abwärts sehen kann. Das ermüdet das Auge am wenigsten. Der Abstand zum Auge sollte etwa 70 Zentimeter betragen. Das bedeutet, dass ein Arbeitstisch mindestens einen Meter Tiefe haben muss.
LCD-Monitore sind besser, weil sie weniger Reflexionen haben, nicht flimmern und zum Flacherlegen besser geeignet sind. Für Arbeiten, die eine hohe Aufmerksamkeit erfordern – sei es von Fluglotsen oder Mitarbeitern in einem AKW –, können Röhrenmonitore besser sein. Denn es ist belegt, dass das Flimmern dieser Monitore die Aufmerksamkeit fördert.
Wie hat sich das Sehen gegenüber früher verändert?
Unser Gesundheitsbewusstsein ist heute viel grösser. Darum legen wir auch mehr Wert auf gutes Sehen. Früher wurden die Menschen nicht so alt, entsprechend kam vor allem die Alterssichtigkeit nicht so stark zum Tragen wie heute. Zusätzlich haben wir heute viel höhere Ansprüche ans scharfe Sehen, als sie die Menschen vor 100 und mehr Jahren hatten. Denn wer nicht lesen kann, den stört es auch weniger, wenn er in die Nähe nicht mehr so gut sieht.
Welche Herausforderung an Brillengläser stellt die Arbeitsdistanz zum Bildschirm, die weder nah noch fern ist?
Die grosse Herausforderung ist vor allem die abwechselnde Distanz. Der Blick schweift vom Bildschirm zur nahen Tastatur, zurück auf den Bildschirm und vielleicht dazwischen noch in die Ferne.
Die Herausforderung liegt weniger beim Glashersteller, sondern viel mehr beim Optiker, der sich die Zeit nehmen muss, herauszufinden, was der Kunde überhaupt benötigt. Sitzt jemand acht Stunden nur am Bildschirm und starrt permanent darauf, hat er am besten eine Einstärkenbrille genau abgestimmt auf die Distanz zum Bildschirm.
Als wie komfortabel erachten Sie Gleitsichtgläser?
Gleitsichtgläser sind eine gute Kompromisslösung, um alle Bedürfnisse abgedeckt zu erhalten. Ansonsten würde ein Kunde verschiedene Einstärkenbrillen benötigen. Das Beste wäre, die Hersteller würden die Preise senken, sodass der Konsument sich verschiedene Gleitsichtbrillen für die verschiedenen Anforderungen leisten könnte. Man hätte dann eine Gleitsichtbrille als Arbeitsbrille, eine als Sportbrille und eine Pöschtelibrille.
Wieso kommt es bei Gleitsichtgläsern immer wieder zu dem berichteten Schwindel und Verschwimmen der Umgebung?
Das sind unausweichliche Fehler im Glas, sogenannte physikalische Randbedingungen. Ich empfehle deshalb, möglichst früh eine Gleitsichtbrille anzuschaffen. Denn je geringer die Nahkorrektur ist, desto besser ist die Verträglichkeit. Wenn die Korrektur dann stärker wird, hat sich das Hirn bereits an die Problematik gewöhnt und nimmt sie nicht mehr so stark wahr.
Gibt es Unterschiede zwischen den einzelnen Gläsern der verschiedenen Hersteller?
Jede Firma hat ihre eigene Philosophie. Die einen setzen zum Beispiel auf exakte und individuelle Ausmessung des Kunden, die anderen mehr auf Berücksichtigung der individuellen Kopf- und Augenbewegung. Aber auf diesem Gebiet ist noch viel Forschung nötig.