Salben, schlucken, spritzen: Es gibt verschiedene Methoden, Arzneimittel zu verabreichen. Forscher suchen dabei nach immer neuen Wegen, damit ein Präparat dort wirkt, wo es sollte. Ihr Ziel: Die Anwendung zu vereinfachen und die Compliance, also die Therapietreue, zu verbessern. VON SIMONE KÜHN-BÜHLMANN
Medikamente gehören zum Alltag: Sie beenden Kopfschmerzen, senken den Blutdruck, bekämpfen Infektionen. Nicht nur in der Entwicklung eines neuen Wirkstoffs steckt immense Forschungsarbeit. Ein beträchtlicher Anteil entfällt bei der Medikamentenherstellung auch auf die Tricks und Techniken, mit denen der Wirkstoff an seinen Zielort gebracht wird. Tabletten, Kapseln, Infusionslösungen, Salben, Pflaster und all die anderen Darreichungsformen moderner Arzneien sind das Werk eines eigenen Forschungsbereichs: der Galenik.
Diese pharmazeutische Technologie macht einen Wirkstoff erst zu einem anwendbaren Medikament. Die Herausforderungen an die Wissenschafter sind zahlreich und bei jedem Wirkstoff anders. Mal gilt es, einen bitteren Geschmack zu kaschieren, mal darf eine Substanz erst im Darm freigesetzt werden oder sollte ihre Wirkung langsam und über längere Zeit entfalten. Durch das Beifügen von Hilfsstoffen erhält das Arzneimittel seine endgültige Form, die massgeblich mitbestimmt, wo, wie rasch, wie lange und wie stark das Präparat wirkt.
| Die gebräuchlichsten Darreichungsformen |
Tabletten | - Gebräuchlichste Arzneiform
- Bestehen aus einem oder mehreren Wirk- und Hilfsstoffen, die in pulverisierter Form unter hohem maschinellem Druck gepresst werden
- Lösen sich im Magen oder Darm auf und setzen dort ihre Wirkstoffe frei
- Gut dosier- und wieder absetzbar
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Film- bzw. Lacktabletten | - Mit einer dünnen, glänzenden Schicht überzogen, zum Schutz vor Umwelteinflüssen und der Magensäure, zur Verlängerung der Wirkstoffabgabe, aber auch gegen unangenehmen Geruch oder Geschmack
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Gelatinekapseln | - Arzneistoff ist in einer Gelatinekapsel enthalten
- Lassen sich dank der glatten Oberfläche leicht schlucken
- Lösen sich im Magen/Darm auf
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Retardtabletten | - Geben Wirkstoff verzögert ab
- Lösen sich nicht sofort auf, sondern wirken langsam und gleichmässig. Der konstante Wirkstoffspiegel im Blut über längere Zeit erlaubt es, dass ein Medikament weniger häufig eingenommen werden muss (z.B. einmal statt dreimal täglich)
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Kombinationspräparate | - Beinhalten zwei oder mehr Arzneistoffe, die sich in ihrer Wirkung unterstützen
- Reduzieren die Medikamentenmenge: bessere Compliance
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Zäpfchen | - Werden über den Mastdarm verabreicht
- Wirkung tritt rasch ein: Durch die Darmschleimhaut gelangt der Wirkstoff schneller ins Blut als z. B. durch die Magenwand
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Brausetabletten | - Werden in Wasser aufgelöst und dann getrunken
- Rasche Wirkung, da die Flüssigkeit den Wirkstoff schnell in den Dünndarm transportiert
- Schont den Magen
- Für Patienten mit Schluckbeschwerden und Kinder geeignet
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Injektionen und Infusionen | - Wirkstoff ist gelöst oder fein verteilt (dispergiert) in einer Flüssigkeit und wird direkt ins Blutgefässsystem oder ins Muskelgewebe gespritzt
- Rasche Wirkung
- Magen und Darm sowie die Leber werden umgangen
- Für viele Wirkstoffe geeignet
- Grösster Nachteil: weit verbreitete Abneigung gegenüber Injektionsnadeln
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Therapeutische Pflaster | - Werden auf die Haut geklebt
- Geben den Wirkstoff gleichmässig über mehrere Stunden oder Tage an die Haut bzw. in die darunter liegenden Blutgefässe ab
- Schonen die Leber sowie den Magen-Darm-Trakt
- Da die Haut in erster Linie ein Schutzorgan ist, das den Menschen vor Eindringlingen schützt, ist sie nur für sehr wenige, spezielle Substanzen durchlässig
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Salben, Cremes, Pasten | - Wirken lokal und werden direkt auf die verletzte bzw. entzündete Hautstelle aufgetragen
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Die besten Medikamente nützen allerdings nichts, wenn sie falsch angewendet werden. Älteren Menschen fällt es beispielsweise häufig schwer, sich an die regelmässige Einnahme von vielen verschiedenen Medikamenten zu gewöhnen. Sie verlieren den Überblick, lassen die eine oder andere Kapsel einfach weg. Grosse Tabletten oder bittere Tropfen sind bei Erwachsenen wie bei Kindern äusserst unbeliebt und werden oft nicht vorschriftsmässig eingenommen. Und bei Nebenwirkungen oder ausbleibender sofortiger Besserung setzen viele Leute ihre Medikamente eigenmächtig ab.
Je kooperativer, desto besser
Die Heilungschancen stehen jedoch umso besser, je zuverlässiger ein Patient bei einer Therapie mitmacht. Dieses kooperative Verhalten nennt sich in der Fachsprache Compliance. Deshalb sucht die Galenik immer wieder neue Wege, um eine Behandlung anwenderfreundlicher zu machen. «Je einfacher und angenehmer sich eine Arznei verabreichen lässt, desto grösser ist die Bereitschaft eines Patienten, die medizinische Therapie wie vorgeschrieben durchzuführen», sagt Bruno Gander, Professor für Galenische Pharmazie an der ETH Zürich. «Das Ziel heutiger galenischer Entwicklungen ist, für jeden Wirkstoff, jedes therapeutische Anwendungsgebiet sowie jede Patientengruppe eine möglichst optimale Darreichungsform bereitzustellen.»
So gibt es seit kurzem in der Alzheimer-Therapie den Cholinesterase-Hemmer Rivastigmin, der den Krankheitsverlauf verzögert, auch als Pflaster. Der aufs Pflaster aufgetragene Wirkstoff ist in einem Polymerfilm eingebettet und wird in kontinuierlichen Dosen durch die Haut in die Blutbahn geschleust. Diese neue Verabreichungsform konnte in Studien die Compliance bei
Alzheimer-Patienten verbessern und unerwünschte Begleiterscheinungen wie Übelkeit und Erbrechen reduzieren. «Mit therapeutischen Pflastern können solche Nebenwirkungen umgangen werden, weil die Wirkstoffaufnahme nicht über den Verdauungstrakt erfolgt, sondern durch die Haut», erklärt Gander.
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| Pflaster schlägt Pille. Der Wirkstoffspiegel zeigt deutlich, dass dank des Pflasters (blaue Linie) die Konzentration des Wirkstoffs praktisch immer im optimalen Bereich liegt. |
Zudem sei die Anwendung sehr einfach: Das Pflaster wird auf den Oberkörper, vorzugsweise auf den Rücken, geklebt und täglich ausgewechselt. Ein Vorteil nicht nur für die Patienten, die oft vergessen, die Tabletten einzunehmen, oder sie wieder ausspucken, sondern auch für die Angehörigen oder das Pflegepersonal, die eine Therapie besser kontrollieren können.
Jährlich eine Spritze statt täglich Tabletten
Auch die Behandlung der postmenopausalen Osteoporose der Frau hat Fortschritte zu verzeichnen. Seit dem Herbst 2007 ist in der Schweiz die Zoledronsäure als jährliche Infusion zugelassen. Das Bisphosphonat hemmt unter anderem den Stoffwechsel der knochenabbauenden Zellen (Osteoklasten). Durch die Infusion direkt in die Armvene gelangen rund 60 Prozent des Wirkstoffs durch das Blut in die Knochen und werden dort fest gebunden und gespeichert. Einer Studie gemäss reicht eine Infusion, um die Osteoklasten ein Jahr lang in Schach zu halten und den Knochenabbau zu hemmen.
Diesen Effekt schreibt Prof. Gander allerdings nicht der Darreichungsform zu, sondern vielmehr den speziellen Eigenschaften des Wirkstoffs. «Infusionen haben allgemein den Vorteil, einen Arzneistoff sehr schnell zur Verfügung zu stellen. Die jährliche Verabreichung ist aber höchst unüblich und nur dank der hohen Bindungskraft der Zoledronsäure an das Knochengewebe möglich.»
Zum Vergleich: Von den tablettenförmigen, täglich oder wöchentlich geschluckten Bisphosphonaten wird nur knapp ein Prozent in den Knochen eingebaut, der Rest wird über die Nieren ausgeschieden. Die Infusion stellt daher nicht nur für Osteoporose-Patientinnen, die mit der Einnahme von Tabletten Mühe haben oder orale Präparate nicht vertragen, eine gute Therapieoption dar.
In Zukunft noch gezielter und individueller
Und wie sehen die Medikamente von übermorgen aus? Der Trend galenischer Innovationen geht in Richtung zielgerichteter Arzneistoffabgabe, «Drug Targeting» genannt. Die Wirkung einer Substanz sei umso besser, je gezielter sie verabreicht werde, so Gander. Die Dosis lasse sich deutlich reduzieren, was den Organismus schone und die Nebenwirkungen vermindere. Zurzeit wird an neuen Arzneiformen geforscht, die den Wirkstoff am Wirkort nicht passiv freigeben, sondern sich nach dem individuellen, momentanen Bedarf richten: Spezielle umgebungssensitive Materialien messen vor Ort, wie viel Wirkstoff gerade nötig ist, und geben ihn über eine Feedback-Schlaufe ab. «Mit diesen neuen Abgabesystemen wird die Arzneistofftherapie in Zukunft noch stärker individualisiert und den jeweiligen Bedürfnissen eines Patienten angepasst», prognostiziert der Galeniker.
(Quelle: Gesundheit Sprechstunde 13/2008)