Medikamentensicherheit
Medikamentensicherheit
In wenigen Jahren haben sich die Generika-Umsätze in der Schweiz mehr als verfünffacht. Kassen und Patienten freuen sich über billigere Medikamente. Doch die Ärzte warnen: Nicht immer ist billig auch richtig.

VON THOMAS LEY

2006 kommentierte ein TV-Spot das Fernsehen: «In den Fünfzigerjahren hat man mit den Fernsehern das Ende der Kommunikation prophezeit.» Das Bild dazu: eine eifrig diskutierende Grossfamilie vor dem Bildschirm. Der Sprecher weiter: «In den Sechzigern hat man deswegen den Sittenzerfall heraufbeschworen.» Das Bild: ein Minirock. «Und heute glauben viele, dass Generika weniger gut seien als Originalmedikamente.» Unterschwellige Botschaft: alles Sorgen von gestern.

In einem hat die von Novartis als Generika-Tochter wiederbelebte Sandoz gewiss Recht: Zeiten ändern sich. Aber wie bei Fernsehen und Minirock legen sich manche Debatten nie, auch wenn sich die Werber so abmühen wie seit dem 1. April 2006 in Sachen Nachahmer-Medikamenten, eben Generika. Seit diesem Datum zahlen Patienten nicht mehr 10, sondern 20 Prozent Selbstbehalt für eine Originalarznei, falls es ein günstigeres Generikum gibt. Wers bisher nicht tat – spätestens jetzt interessiert sich jeder für die Pillenkopie.

Warum auch nicht? Die Produkte mit demselben Wirkstoff wie die Originale kosten in der Regel kaum halb so viel. Für manche sind sie deswegen das Ei des Kolumbus gegen die Verteuerung des Gesundheitswesens. Ebenso gewiss bedeuten sie für andere das Ende jeder Pharmaforschung, weil die sich in der schönen neuen Discountmedizin nicht mehr lohne. Beides lässt sich trefflich politisch festmachen – und ist inzwischen zum Meinungsinventar der Parteien geworden, mit langem Verfallsdatum. Lesen Sie die Packungsbeilage, und fragen Sie Ihren Nationalrat. 

Doch die Frage nach der Sicherheit der Billigpräparate ist nicht ewiggestrig. Nicht immer zeitigt das Umsteigen die gewünschten Ergebnisse, wie der Klinische Pharmakologe Bernhard Lauterburg und der Allgemeinarzt Markus Hug in der Ärztezeitung «Primary Care» schreiben: So habe eine 64-jährige Frau, die bisher das Schmerzmittel «Ponstan» einnahm, von der Apotheke bei der Erneuerung des Rezeptes das Generikum «Mephadolor» bekommen. Tags darauf leidet sie an Bauchschmerzen und Durchfall – Symptome, die prompt verschwinden, als sie zu Ponstan zurückwechselt. Erklärung: Die Präparate enthalten zwar denselben Wirkstoff, Mefenaminsäure, aber verschiedene Hilfsstoffe. Anders als das Original enthält Mephadolor Laktose, Milchzucker. Die Patientin hat offenbar eine Laktose-Intoleranz – daher das Bauchweh.

Nicht immer gebe es eine rationale Erklärung für unerwünschte Reaktionen bei Nachahmerprodukten, so die beiden Ärzte weiter: Eine 25-jährige, depressive Patientin nimmt «Deroxat» und steigt dann um auf das Generikum «Paroxetin-Mepha» – ein Ko-Marketingprodukt, also exakt die gleiche Pille. Folge: Sie klagt über Übelkeit und Schwindel. Ähnlich die Erfahrungen in einem Pflegeheim, in dem sieben Bewohner nach Jahren ihr Schizophrenie-Medikament wechseln: Sie erleiden alle einen Rückfall.

  Generika müssen vor ihrer Zulassung die Bioäquivalenz beweisen: also dass sie sich gleich schnell im Körper verteilen wie das Original. Toleriert werden 80 bis 125 Prozent der Blutspiegelwerte des Originals. Nur die Generika 5 und 6 wären also zugelassen. Zwischen den Generika ist die Spanne aber oft zu gross.
 

Bioäquivalenzstudie vor der Zulassung von Generika. Generika müssen die Bioäquivalenz beweisen: also dass sie sich gleich schnell im Körper verteilen wie das Original. Toleriert werden 80 bis 125 Prozent der Blutspiegelwerte des Originals. Nur die Generika 5 und 6 wären also zugelassen. Zwischen den Generika ist die Spanne aber oft zu gross.
Neue Wirkung trotz desselben Wirkstoffs, trotz derselben Konzentration. Dabei mussten die Hersteller vor der Zulassung die so genannte Bioäquivalenz garantieren. Das bedeutet, es wurde in einer Studie gezeigt, dass sich das Nachahmerpräparat gleich schnell im Körper verteilt und wieder abbaut. Diese Blutspiegelwerte dürfen nur 20 unter oder 25 Prozent über den Werten des Originals sein (siehe Grafik).

Das reiche nicht, klagen Ärzte und Hersteller. «Die Bioäquivalenz wird gerade mal bei rund zwanzig gesunden Freiwilligen in nüchternem Zustand getestet», ärgert sich Michael Schmid, Produktemanager der Firma Nycomed, die ausserdem mit der Krankenkasse ÖKK in einem Streit steckt, der exemplarisch ist für die Interessen in Sachen Generika. Die ÖKK, so Schmid, weigere sich die Kosten (abzüglich der bisherigen 10 Prozent) für einen Nycomed-Magensäureblocker zu übernehmen, obwohl es für dieses Originalpräparat erst ab 2010 Generika gebe.

Es sind vor allem die Bereiche Schizophrenie, Depressionen oder Epilepsie, wo die meisten Probleme mit Generika auftreten. Die Patienten sind hier in der Regel seit Jahren genau «eingestellt» auf bestimmte Dosierungen und Wirkstoffe, bei psychischen Erkrankungen sogar auf bestimmte Pillenformen und -farben. Ein Wechsel nur kleinster Dosen oder bisher unbemerkte Hilfsstoffe können zum Rückfall führen. 

Die Generika-Umsätze lassen sich indes von derlei Unsicherheit nicht stören. Seit den Neunzigern sind sie geradezu explodiert, von 33 Millionen Franken 1997 auf fast 280 Millionen 2005. Und doch schätzt Prof. Jürgen Drewe, Pharmakologe am Kantonsspital Basel, das Sparpotenzial durch die Nachahmer auf gerade 300 Millionen Franken jährlich– ernüchternd bei Gesundheitskosten von 55 Milliarden Franken im Jahr. Halten allerdings die Wachstumsraten der letzten Jahre an, knacken die Generika in drei Jahren die Milliardengrenze. Ein Graus für die Praktiker? «Generika sind per se weder gut noch schlecht», sagt Dr. Karin Fattinger, Klinische Pharmakologin vom Zürcher Universitätsspital, «das Problem ist der Wechsel von einem Präparat zum anderen. Wie immer schon: Man wechselt ja auch zwischen Originalpräparaten nicht einfach so.»

Trotz Bioäquivalenzstudie werde oft eines übersehen, so Fattinger: «Wechsle ich etwa von einem Originalpräparat zu einem Generikum, das in der Studie 85 Prozent der Blutspiegelwerte des Originals zeigte, sind das vertretbare 15 Prozent Unterschied.» Wechsle man dann aber zu einem anderen Generikum, das in der Studie auf 120 Prozent kam, dann könne der Unterschied zum ersten Generikum im Mittel 35 Prozent betragen – womöglich zu viel. Ein Produkt mit diesem Abstand zum Original wäre nicht zugelassen worden.

«Ausserdem sind Inhaltsstoffe oft schlecht angeschrieben», findet Fattinger. «Ältere Menschen, die meist noch mehrere Medikamente einnehmen, können das nicht mehr lesen.» Dann auch noch auf Hilfsstoffe achten? «Da müssen nicht nur Patienten passen.» Kein Wunder, komme es öfter vor, dass manche die Tabletten durcheinander bringen und sicherheitshalber zum Generikum das vertraute Original auch noch schlucken. 

Was tun? Nicht alle sind so schnell mit Lösungen zur Hand wie Walter Hess, Badener Arzt und Kolumnist der Aargauer Zeitung: «Der Patentschutz für das Originalprodukt bleibt wie bis heute bestehen. Anschliessend produziert und verkauft die Mutterfirma dasselbe Medikament mit demselben vertrauten Namen, dasselbe Originalprodukt 30 Prozent billiger. Fertig. Basta.»

Bis Dr. Hess bei der Pharmaindustrie damit durchdringt, hat Karin Fattinger eine etwas selbstverständlichere Idee: «Wir brauchen schlicht intelligente Patienten, Ärzte und Apotheker», sagt sie, «die diese Wechsel sorgfältig durchführen.» Darauf sollten Generika-Fans und -Verächter sich gerade noch einigen können.

Quelle: Gesundheit Sprechstunde 08/2006
 
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